Reinheit und Unreinheit:

Muslimische Verhüllung als Ausdruck eines moralischen Dualismus

200 Jahre nach der Aufklärung und 500 Jahre nach der Reformation führen wir heute in Deutschland eine gesellschaftliche Debatte um das Ob und Wie religiös akzeptabler und gesellschaftlich akzeptierter sittsamer Verhüllung bei weiblichen Personen orientalischer Provenienz.

Zunächst beschränkte sich das Phänomen eines von unseren westeuropäischen, mehr oder weniger farbenfrohen und freizügigen Gewohnheiten abweichenden Kleidungsstils auf ein paar kleinteilige Parallelgesellschaften in West-Berlin, in Frankfurt am Main oder hier und da im Ruhrgebiet. Heute dagegen ist es so gut wie überall in Deutschland bis hinunter in die Kleinstädte des Ostens anzutreffen.

Nun könnte uns als emanzipierten, wirklich gleichberechtigten, nach westlichen und christlich-abendländischen Werten lebenden Frauen egal sein, was die Sitznachbarin in der Straßenbahn trägt.

Liest man aber die entsprechenden Texte, wie sie zum Beispiel die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde auch schon im Thüringer Landtag verteilen durfte, erfährt man, dass die Trägerin dieser zahlreichen Stoffhüllen von niemandem belästigt (!) werden möchte. Sie möchte sich ganz auf ihre Rolle als Frau, als Mutter, als folgsame Tochter in ihrer Gemeinde konzentrieren. Ihre spirituelle Entwicklung soll nicht durch weltliche Dinge wie einen bewundernden Blick, ein Lächeln oder gar ein Kompliment gebremst werden.

Eine für menschliche Kontakte aufgeschlossene Hinwendung zur aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft, zu deren Männern gar, wird damit ausdrücklich ausgeschlossen. In den genannten Texten erfährt man ferner, dass Menschen in Europa aufgrund ihrer Ernährungsgewohnheiten und ihrer zwischenmenschlichen Umgangsregeln als unrein zu betrachten seien. Diese Auffassung fordern die heiligen Schriften des Islam von allen Muslimen, denn diesen theologischen Texten zufolge ist die Welt prinzipiell in Gläubige und Ungläubige, in Reine und Unreine einzuteilen.

Die Unreinen werden von den Religiösen, und um solche handelt es sich bei den Trägerinnen der religiös vorgeschriebenen Tracht in der Regel, durch eigene moralische Überhöhung abqualifiziert. Zugespitzt formuliert, handelt es sich bei der muslimischen Verhüllung um moralinsauren Sittlichkeitsrassismus.


Corinna Herold

ist AfD-Landtagsabgeordnete in Thüringen und Sprecherin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Gleichstellung, und Religion ihrer Fraktion.

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