Rezession

Es hagelt eine Gewinnwarnung nach der anderen

Vor allem die Metallindustrie – im Bild das Hüttenwerk von ThyssenKrupp in Duisburg – muss gewaltige Konjunktureinbrüche befürchten

Die Rezession ist in der deutschen Wirtschaft angekommen. Der Agentur ›Reuters‹ zufolge hagelt es derzeit Gewinnwarnungen am laufenden Meter.

In der deutschen Wirtschaft löst eine Gewinnwarnung die andere ab, berichtet die seriöse Nachrichtenagentur ›Reuters‹. Immer mehr Unternehmen blicken demnach unsicher in die Zukunft und kappen ihre Jahresziele.

Auch am Arbeitsmarkt gibt es erste Bremsspuren. »Der Brexit, Handelskonflikte und Sanktionen beeinträchtigen zunehmend die Geschäfte der Unternehmen im Ausland«, sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer. »Vor allem die exportstarke Industrie erwartet dieses Jahr weniger Ausfuhren.«

Die größten Einbrüche befürchten die Betriebe der Metallindustrie und des Maschinenbaus, beide Branchen sind der Herzschlag der Konjunktur. Auch die Autobranche wird immer skeptischer. »Die jüngsten Unternehmenszahlen zeigen: Der Höhepunkt des globalen Wachstums ist vorbei«, betont Axel Cron, Chef-Anlagestratege bei »HSBC Global Asset Management«.

Mercedes-Daimler kappte Mitte Juli zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Wochen seine Gewinnprognose für 2019. Zwar machte der neue Vorstandschef Ola Källenius vor allem teure Rückrufe von Diesel-Autos dafür verantwortlich. Aber er räumte auch ein, dass sich der Automarkt so schnell nicht erholen dürfte.

Im Mai hatte bereits der Münchner Rivale BMW seine Erwartungen nach unten korrigieren müssen; Volkswagen ist für die Umsatzrendite im Pkw-Geschäft ebenfalls skeptisch. Der weltgrößte Autobauer legt seine Quartalsbilanz an diesem Donnerstag vor. Und auch der Zulieferer Continental nahm seine Ergebnisziele zurück. Die tiefe Krise, in der sich die deutschen Autobauer inzwischen befinden, ist nicht mehr schön zu reden.

Die erfolgsverwöhnten Maschinenbauer bekommen den konjunkturellen Gegenwind ebenfalls immer stärker zu spüren. Für dieses Jahr rechnet Deutschlands zweitgrößter Industriezweig nach der Autobranche erstmals seit 2013 mit einem Rückgang der Produktion um etwa zwei Prozent. Von Januar bis Mai fielen die Aufträge binnen Jahresfrist um neun Prozent.

Der Konjunkturabschwung manifestiert sich inzwischen auch in den Bilanzen von Firmen aus anderen Branchen: Prominentestes Beispiel ist der Chemieriese BASF, der zwar viele Kunden im Autobereich hat, aber auch Unternehmen aus anderen Bereichen beliefert. Die Ludwigshafener räumten jüngst ein, ihre Umsatz- und Gewinnziele nicht halten zu können. Der lange Zollstreit zwischen den USA und China hatte den Konzern auf dem falschen Fuß erwischt, wie Firmenchef Martin Brudermüller einräumte. Die Autoindustrie in China leidet besonders unter dem Konflikt mit Washington. Der Fahrzeugabsatz fiel im Mai um mehr als 16 Prozent, so stark wie noch nie in einem Monat.

So wird die Liste der Hiobsbotschaften immer länger: Zuletzt dampften auch der Stahlhändler Klöckner & Co, der Chemikalienhändler Brenntag, der Anlagenbauer Dürr und der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich ihre Geschäftsprognosen ein. »Commerzbank«-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht die Gewinnwarnungen in einem unmittelbaren Kausalzusammenhang mit fallenden Umsätzen und Aufträgen – »vor allem aus Asien«.

DIHK-Chef Schweitzer ist für die nähere Zukunft wenig optimistisch. »Ein Ende des weltweiten Protektionismus und der Handelskonflikte ist leider derzeit nicht in Sicht«, sagt er. Die Unsicherheit rund um die internationalen Märkte bleibe für die Firmen daher hoch. Ähnlich sieht das Außenwirtschaftschef Gregor Wolf vom Exportverband BGA: »Diese globale Gemengelage liegt bleiern über allem«, erläutert er. »Da kann man nicht wirklich investieren.« Immer mehr Firmen versuchten, sich bei den Wertschöpfungsketten aus der Abhängigkeit von den USA und von China zu lösen. »Das wird aber Jahre dauern.«

Verheerend sei vor allem, dass die Welthandelsorganisation WTO als Schützerin des Handels bereits geschwächt und künftig kaum mehr handlungsfähig sei. »Da kann man nicht laut genug aufschreien«, warnt Wolf.

Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) erwartet jetzt nur noch ein Exportplus deutscher Waren von 1,5 Prozent für 2019. Anfang des Jahres hatte man noch auf doppelt so viel Wachstum gehofft.

Am deutschen Jobmarkt neigt sich der jahrelange Boom ebenfalls dem Ende zu. Die Bundesagentur für Arbeit erklärte jüngst, die Abkühlung der Konjunktur »ist sichtbar«. Zudem stellen sich immer mehr Industriebetriebe verstärkt auf Kurzarbeit ein. BGA-Fachmann Wolf rechnet zum Jahresende mit einem Dämpfer auch bei den Dienstleistern, wo es bisher noch besser läuft. Derzeit sorgen Jobabbaupläne bei Großkonzernen wie der Deutschen Bank, Thyssenkrupp, BASF und Siemens für Schlagzeilen. Insgesamt erwarten Fachleute aber keinen Kahlschlag. Denn wegen des Fachkräftemangels dürften die Firmen mit Entlassungen vorsichtiger sein als in früheren Flauten, sagte Wolf: »Keiner kann sich leisten, seine Facharbeiter abzugeben.« (lol)

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