»S’Annegret« lebt davon, unterschätzt zu werden

Im Karneval steigt Annegret Kramp-Karrenbauer schon mal als »Putzfrau Gretel« in die Bütt. Im breiten saarländischen Singsang gibt »sʼAnnegret« dann einige Polit-Kalauer zum Besten, während sie auf der Bühne imaginär die Flure des Landtages wischt.

Der CDU ist indes das Lachen vergangen. Sie steht wenige Tage vor dem Hamburger Parteitag am Scheideweg. Nicht wenige fürchten, dass es nach der Neuwahl des oder der Parteivorsitzenden zu einer noch tieferen Spaltung der Union kommt. Der Ton zwischen den drei Hauptkandidaten ist geradezu feindselig geworden.

Ausgerechnet Kramp-Karrenbauer, der man es am wenigsten zugetraut hätte, goss Öl ins Feuer. In der ›Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‹ keilte sie gegen Mitbewerber Friedrich Merz. Dem warf sie »einen Schlag ins Gesicht« der Partei vor. Weil der es gewagt hatte, Kritik an der Merkel-CDU im Zusammenhang mit den Wahlerfolgen der AfD zu üben. Vielleicht war es der größte Fehler des Polit-Wiedereinsteigers aus dem Sauerland, den Merkel-Klon aus dem Saarland zu unterschätzen.
Wer ist eigentlich die – der Kolumnist würde fast darauf wetten wollen– künftige CDU-Vorsitzende mit dem Kurznamen »AKK«?

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)
als »Putzfrau Gretel« im saarländischen Karneval

Die Saarländerin ist eine Parteisoldatin und gewiefte Berufspolitikerin durch und durch. Bereits mit 19 Jahren trat sie 1981 in die CDU ein und engagierte sich zunächst bei der Jungen Union (JU). Mit 22 Jahren heiratete die Tochter eines Sonderschullehrers Helmut Karrenbauer, einen ehemaligen Bergbauingenieur. So kam sie zu ihrem zungenbrecherischen Doppelnamen. Das Ehepaar hat drei Kinder. Nach dem Zechensterben kümmerte sich Helmut Karrenbauer als Hausmann um die Familie.

1985 übernahm Annegret Kramp-Karrenbauer den Vorsitz des CDU-Stadtverbandes Püttlingen. Hier, in der 18.000 Einwohner zählenden Kommune im südlichen Saarland, war sie aufgewachsen. Nebenher studierte die aufstrebende Jungpolitikerin Politikwissenschaften. Über die Frauen-Union schaffte sie es 1999 schließlich in den Landtag. Der damalige Ministerpräsident und heutige Verfassungsrichter Peter Müller (CDU) berief Kramp-Karrenbauer in sein Kabinett, wo sie nacheinander die Ressorts Inneres, Bildung und Soziales leitete. 2011 wurde »AKK« Landesvorsitzende der Saar-CDU, dann Ministerpräsidentin. Anfang des Jahres holte Angela Merkel sie als Generalsekretärin nach Berlin. Es war, wie sich heute zeigt, ein strategischer Schachzug.

Politisch stand Kramp-Karrenbauer stets hinter Merkels Flüchtlingskurs. Auch sonst erinnert ihr lavierender Politikstil stark an die Masseneinwanderungskanzlerin: im Zweifel ein entschiedenes Sowohl-als-auch.

Nur in einem Punkt unterscheidet sich die Katholikin deutlich von der protestantischen Pfarrerstochter aus dem Osten: Schwule und Lesben hätten ihrer Meinung nach nie die gleichen Rechte bekommen dürfen. Die sogenannte Ehe für alle verurteilte Kramp-Karrenbauer als »gefährlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt«. Die Homo-Ehe ist für sie quasi die Vorstufe zu Inzest und Polygamie. Dann komme bald auch die »Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen«, wetterte sie 2017 auf dem Höhepunkt des innerparteilichen Streits um das »Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts«. (oys)

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