Scharfe Kritik

Massive Kritik an Gysi-Auftritt in Leipzig am 9. Oktober

Die geplante Festrede des SED/Linke-Politikers Gregor Gysi bei einer Feierstunde zum Gedenken an die friedliche Revolution gegen die SED-Diktatur sorgt bei Bürgerrechtlern für Empörung

Der Streit um den Auftritt des Linken-Politikers Gregor Gysi bei einer Feierstunde zum »30. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR« ebbt nicht ab. Frühere Bürgerrechtler laufen Sturm. Die Leipziger Philharmoniker, die den ehemaligen SED-Parteichef eingeladen haben, halten bislang trotz aller Kritik an ihrem Plan, Gysi reden zu lassen, fest.

30 Jahre nachdem in der DDR zigtausende Bürger gegen das SED-Regime auf die Straße gingen und damit das Ende dieses Unrechtsstaats einleiteten, soll ausgerechnet Gregor Gysi, der heute für die SED-Nachfolgepartei »Die Linke« im Bundestag sitzt, am 9. Oktober in der Leipziger Peterskirche eine Festrede halten.

Dagegen haben bereits Bürgerrechtler und Historiker in einem offenen Brief protestiert.

In der Protesterklärung heißt es dazu: »Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten. Wir finden das zynisch und empörend. Offenbar ist es nötig, künftig noch entschiedener auf die Verbrechen und die historische Verantwortung der SED hinzuweisen. Das werden wir tun. Auch wenn das viele nicht hören wollen: Die SED ist nie aufgelöst worden, weil Rechtsanwalt Gysi und seine Partei nicht alles verlieren wollten, vor allem das große Vermögen der SED, aber auch politischen Einfluss, und das deshalb verhinderten. Das haben sie mehrfach vor Gericht selbst bestätigt. Nun wollen sie offenbar sogar noch im Nachhinein die Revolution für sich beanspruchen und gewinnen, für die nicht Gregor Gysi steht, sondern all jene, die die SED herausgefordert und entmachtet haben und zu denen wir uns zählen.«

Die ehemalige DDR-Liedermacherin und Lyrikerin Bettina Wegner hat sich ebenfalls dem Protest angeschlossen und sich gegen eine »Zwangsversöhnung« ausgesprochen. An den Pfarrer der Peterskirche, Andreas Dohrn, schreibt Wegner, dass Versöhnung nur gelingen könne »nach klärenden Gesprächen zwischen zwei Menschen und der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem, was zur Unversöhnlichkeit geführt hat«. Versöhnung müsse scheitern, »wenn Musiker oder Pfarrer beschließen, dass jetzt versöhnt wird«. Wegner zeigt sich überzeugt, dass der 9. Oktober jenen vorbehalten bleiben muss, die sich in der DDR mutig gegen Unterdrückung und Gängelung eingesetzt und oft Unerträglichkeiten dafür in Kauf genommen hätten. Auf Gysi treffe das in keiner Weise zu.

Wegners Schwester, die Autorin Claudia Wegner, kritisiert laut der ›Leipziger Volkszeitung‹ (LVZ) die einladenden Philharmoniker. Die angeführten Gründe, Gysi sei auch ein Zeitzeuge der Ereignisse von 1989 gewesen, nannte Wegner »absurd« und zieht den Vergleich mit dem Stasi-Chef der DDR: »Würde Mielke noch leben, er wäre auch ein Zeitzeuge.« Die Absicht der Philharmoniker, durch »Beethovens Neunte« Versöhnung zu stiften, werde durch Gysis Auftritt konterkariert, schreibt Wegner weiter und mündet in der Aufforderung: »Bitte laden Sie die Philharmoniker und Gysi aus, bzw. bestehen Sie auf eine rein musikalische Veranstaltung. Gott segne Sie!«

Unterdessen hat auch die in Leipzig ansässige Stiftung Friedliche Revolution eine »Erklärung zur geplanten ›Festrede‹ von Gregor Gysi in der Peterskirche von Leipzig am 9. Oktober 2019« herausgegeben. Darin heißt es, Vorstand und Kuratorium der Stiftung »unterstützen den Protest zahlreicher Persönlichkeiten gegen eine Festrede von Gregor Gysi am 9. Oktober in der Leipziger Peterskirche«. In der nicht namentlich unterzeichneten Erklärung heißt es weiter: »Wir halten angesichts seiner politischen Vergangenheit, seiner Rolle bei der Rettung der SED und ihres Vermögens, der Vernichtung wichtiger Parteiakten und der Behinderung der Aufarbeitung der SED-Diktatur einen Auftritt als Festredner oder Zeitzeugen für völlig unangemessen.«

»Kein anderer Politiker hat sich ähnlich elegant vom einen in den anderen deutschen Staat hinübergerettet wie Gregor Gysi, der letzte Parteichef der SED. Seine Redegewandtheit machte ihn bald schon zum Talkshow-Stammgast im wiedervereinigten Deutschland. Dass sich nicht wenige seiner Gegner durch diese Karriere verhöhnt fühlten, ist verständlich: Die moralische Indifferenz des Westens, wo sich viele von dem Charmeur Gysi nur allzu gerne einwickeln ließen, musste ostdeutschen Regimegegnern unerträglich sein«, stellt die ›Neue Zürcher Zeitung‹ (›NZZ‹) in einem Beitrag fest.

Eingeladen wurde Gysi von der Leipziger Philharmonie, dessen Chefdirigent Michael Köhler und Konzertmeister Holger Engelhardt sich hoch überrascht ob der massiven Kritik zeigen. Es gehe ihnen darum, »verschiedene Blickwinkel auf die Geschichte zu ermöglichen«, so Köhler gegenüber der ›LVZ‹. Bislang halten die Verantwortlichen der Leipziger Philharmonie – trotz immer massiver werdender Kritik – an ihrem Plan, Gysi reden zu lassen, fest.

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