Sehnsucht nach Benedikt

Der renommierte katholische Publizist Matthias Matussek schreibt über die Verunsicherung der Kirche unter Papst Franziskus

Wer hat je behauptet, dass es einfach ist, katholisch zu sein. Es ist ein »Abenteuer«, ich schrieb ein ganzes Buch darüber (Matthias Matussek, Das Katholische Abenteuer, DVA, 2011, 368 S., ) ein Abenteuer, dessen nicht geringster Teil darin besteht, sich einer  Verfassung und einer Führung zu verpflichten, die ein Gegenentwurf zur irdischen ist, zur aufgeklärt demokratischen, hedonistischen, alles und alle relativierenden Massengesellschaft.

Hier das Heilige, dort das Profane. Hier die göttliche Weisung, dort die menschengemachten Paragrafen und Spielregeln. Das erzeugt Spannung, und manchmal fliegen die Funken.

Ich schrieb mein Buch unter der Kirchenführung von Papst Benedikt, den ich verehrte und dem zu folgen ein Leichtes war. Nun erlebe ich Papst Franziskus, dem zu folgen und Gehorsam zu bezeugen ich große Schwierigkeiten habe, weil ich dessen politischen Einlassungen als Profanisierungen des Amtes erlebe. Ich will keinen Papst als »Anti-Trump« (›New York Times‹), keinen »Führer der globalen Linken« (›Wall Street Journal‹) auf dem Petri-Stuhl.

Ich will einen Papst, der mich in meinem Glauben leitet, wie es Papst Benedikt XVI. getan hat, lächelnd, tieffromm, unerschütterlich klar in seinen Weisungen.

Auch mich hat der Armutspapst in seinen Sandalen mit seinem verbeulten kleinen Dienstauto zunächst fasziniert, doch ich erkannte bald, dass dieser gezielt antiprächtige, antitraditionelle Stil auf seine ganz eigene Weise eitel war und besondere Wirkung dort entfalten wollte, wo die kirchenfernen Kritiker zu finden waren. Ja, dass er in seiner ostentativen Bescheidenheit geradezu Popstarwirkungen erzielte und zum Darling jener wurde, die eine politisch progressive Kirche wünschten, die sich weniger ins Gebet vertiefen wollten, als in linksgrünen Programmen zur irdischen Weltverbesserei anzutreten.

Papst Franziskus schien einen Gegenentwurf zum Vorgänger anzustreben, der mit seinen theologisch tiefen und ernsthaften Lehrbriefen und Enzykliken den Glauben stärken wollte.

Vor allem hatte Papst Benedikt XVI. die Kirche mit ihren ewigen Wahrheiten als Gegenentwurf zur flüchtigen Moderne zu stärken versucht. Mit Respekt und Ehrfurcht vor dieser 2.000-jährigen Tradition, die der englische Konvertit Chesterton einst mit einer wilden Kutschenfahrt durch die Zeiten verglich, über Höhen und durch Tiefen, eine Kutsche, die sich im Gang der Geschichte oft bedenklich zur Seite neigte, aber nie umfiel oder bruchlandete. Denn sie trug die Dogmen mit sich, und Dogmen
sind komprimierte, ewige Wahrheiten.

Der neue Papst hingegen ließ für seine Reformen das Kirchenvolk befragen, als sei die Kirche eine demokratische Idee und nicht eine Stiftung durch Jesus Christus, der Petrus als seinen Stellvertreter inthronisierte mit dem Versprechen, dass »die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden«. (Matthäusevangelium 16,18)

Das kanonische Recht der Kirche sollte für einen Katholiken mindestens so bindend sein wie das irdische des Grundgesetzes. Ja, in Zeiten, in denen wir uns daran gewöhnt haben, dass das Grundgesetz auch von der politischen Elite gebeugt und verletzt wird, sollte zumindest das Recht und die Vorschrift, die in der Civitas Dei, der augustinischen »Gottesstadt« aufstrahlen, beachtet und geachtet werden.

Nun aber mischt sich die irdische Justiz in Kirchendinge ein.

Zu Recht, denn ein Skandal ist aufgedeckt worden in Pennsylvania, wo rund 1000 Kinder und Jugendliche von katholischen Priestern missbraucht wurden.

Ein einstiger Nuntius, Carlo Maria Viganò hat den Papst beschuldigt, das schändliche Treiben des Washingtoner Erzbischofs Theodore E. McCarrick gedeckt zu haben, der sich jahrzehntelang Priesterseminaristen gefügig gemacht haben soll. McCarrick wurde von Papst Benedikt XVI.  mit Strafen belegt; Strafen, die von Papst Franziskus wieder aufgehoben wurden.

Einstweilen ist das Verhalten der liberalen Presse interessant. Sie, die die Kirche besonders unter Papst Benedikt XVI wegen der Mißbrauchsskandale aufs Korn genommen hatte, scheint sich schützend vor den Reformpapst schieben zu wollen und plädiert für Barmherzigkeit und Milde.

Nun verlangt der Ex-Nuntius Viganò den Rücktritt des Papstes. Doch genau das ist unkatholisch.

In all diesem Wirrwar zwischen kanonischem Recht und weltlichen Interessen scheint man nämlich aus den Augen zu verlieren, dass sich hier unheilvoll zwei Sphären mischen, nämlich die der heiligen Ordnung der Katholischen Kirche und die der irdischen Gesetzbarkeit.

Weshalb ist die Forderung nach einem Rücktritt unangemessen? Der Papst als Stellvertreter Christi ist nicht demokratischen Regeln unterworfen, er ist – trotz des Rücktritts von Benedikt XVI. – auf Lebenszeit vom Kardinalskollegium gewählt. Sollte Papst Franziskus, in dessen Heimatbistum in Argentinien nun erste Vorwürfe über eigene Verwicklungen in Missbrauchsverbrechen ruchbar wurden, zum Opfer der Profanisierungen werden, die er selber in Gang gesetzt hat?

Mein katholischer Instinkt sagt mir, dass ein Papst nicht abgewählt werden kann.

Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist nicht die SPD. Der Stellvertreter Gottes auf Erden ist nicht der Vorsitzende eines Orts­vereins. Ich plädiere dafür, dass trotz aller Meinungsverschiedenheiten, die ich zu Franziskus empfinde, das Papstamt unberührt bleiben muss von Mehrheiten, von Umfragen, von Plebisziten, von demokratischen Stimmungen.

Der Papst ist ein Monarch. Monarchen werden nicht abgewählt, sie sterben irgendwann, als Monarchen.

Doch was wir tun können, als Kirchenvolk, als Katholiken, ist unsere Treue zur Kirche bewahren. Und zu dieser Treue hat Alexander Pschera gemeinsam mit Stefan Meetschen Kernpunkte aufgeschrieben, in der exzellenten katholischen Wochenzeitung ›Die Tagespost‹.

Das hier wären, stark verkürzt, die zehn Treuepunkte für jeden Katholiken, der es ernst meint mit seinem Glauben und mit seiner Kirche.

1. Der Katholik sollte beherzigen, dass die Kirche trotz aller menschlichen Irrtümer eine göttliche Institution ist, der mystische Leib Christi.

2. Die aktuelle Krise ist das Resultat einer »fundamentalen Dekadenz des eigenen Gewissens«, auch der Kleriker. Was wir derzeit erleben, ist der Durchbruch zur Wahrheit, ein reinigendes Gewitter Gottes.

3. Die Kirche folgt dem »apokalyptischen Plan, der ausgerollt wird«.  Das spricht für ihre Wahrheit, nicht gegen sie. Die Welt ist ein Jammertal, wahres Glück und Gerechtigkeit erwarten uns erst im Jenseits.

4. Gegen intellektuelle Moden wie Dekonstruktivismus und säkulare Diskursethik gibt es eine Wahrheit, die unteilbar ist. Ein treuer Diener der Kirche mag als Fundamentalist beschimpft werden – das Gegenteil wäre der Luftikus. Was wir haben, ist der Glauben, sind die Evangelien, der Katechismus, die Tradition – ganz unabhängig davon, was auf Papstreisen in Pressekonferenzen verlautet wird.

5. Wir schöpfen unsere Kraft aus den Sakramenten, vor allem dem sonntäglichen Messbesuch und der regelmäßigen Beichte. Warum sollten wir uns um Zölibat und Frauenpriestertum Gedanken machen?

6. Die Stille. Robert Kardinal Sarah hat ein wunderbares Buch über die Stille geschrieben. Die Wüsten-Eremiten wussten um die mystische Kraft, um die Gottesbegegnung in der Stille.

7. Lesen. Kein Geschwafel, sondern »Literatur des Gehorsams«, z. B. die Tagebücher Leon Bloys, der sich inbrünstig verbrennt in der Anbetung, oder Chesterton, der so lustig ist, wie Kafka einst meinte, »dass man glauben könnte, er habe Gott gesehen«.

8. Feiere deinen Namenstag, wie es früher mal war, er ist wichtiger als der Geburtstag. Kenne deinen Heiligen.

9. Beten. Immer wieder: Beten. Das Herzensgebet, das jeden Atemzug begleiten kann, das geht auch still: Einatmend: »Herr Jesus Christus«, ausatmend: »erbarme dich meiner«. Oder den Rosenkranz. Beten für das Heil der Kirche, für den eigenen Glauben, nach Markus: »Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben«.

10. Die Verbundenheit mit Christus suchen, auch über die Schriften der großen Mystiker, die sahen, dass auf diese Welt Finsternisse zukommen werden, harte Prüfungen, aber auch, dass wir sie im Glauben bestehen können.

Nehmen wir uns die Treuepunkte zur Kirche zu Herzen.

Der Papst aber schweigt. Schweigt zu allen Vorwürfen. Sein Schweigen ist laut. Auch Jesus, so predigte er jüngst, habe des Öfteren geschwiegen.

Allerdings haben wir wohl Antworten von unserem Pontifex verdient. Wir haben ein Recht auf die Wahrheit, in einer Institution, die sich der überzeitlichen Wahrheit verpflichtet hat.

Über den Papst können wir dann anders reden, und auch und vor allem über die Seelendämmerung unserer Zeit.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den DeutschlandKurier.

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