Tiefschlaf in deutschen Medienzentralen

Im Grunde sind die Deutschen ja unverwüstliche Italien-Fans. Selbst Journalisten machen da keine Ausnahme, das edelrenovierte Bauernhäuschen in der Toskana ist zumindest den Arrivierteren unter ihnen heilig. Aber wehe, »die Italiener« wählen falsch nach den Maßstäben der deutschen Mediengouvernanten, »populistisch« oder »rechtspopulistisch« gar: Dann ist es ruck zuck aus mit der Liebe.

Den Klischee-Vogel schießt wieder mal der ›Spiegel‹ ab, der auf der Titelseite seiner Printausgabe aus einer Spaghetti-Nudel einen Galgenstrick dreht und online über »Die Schnorrer von Rom« herzieht. Besonders unbeliebt als »hässlicher Deutscher« machte sich EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger mit der Bemerkung, die »Finanzmärkte« würden den Italienern schon ein »Signal« geben, künftig nicht mehr »Populisten von links und rechts zu wählen«.

Die »Populisten«, die den Brüsseler und Berliner Etablierten solche Angst einjagen, dass sie jede diplomatische Zurückhaltung vergessen, sind die Sieger der letzten Parlamentswahl: Die einwanderungs- und eurokritische »Lega« mit ihrem Chef Matteo Salvini sowie die Anti-Establishment-Bewegung »Cinque Stelle« (»Fünf Sterne«) und ihr Regierungs-Frontmann Luigi di Maio.

Dass beide Parteien sich trotz aller Differenzen auf ein gemeinsames Regierungsprogramm einigen konnten, ließ bei den Eurokraten die Alarmglocken schrillen. Denn beide stehen nicht nur für eine Kehrtwende hin zu einer restriktiven Einwanderungspolitik, die illegale Migranten notfalls im Alleingang abwehren will.
»Lega« und »Fünf Sterne« sind auch bereit, alle Euro-Regeln zu brechen und notfalls die Gemeinschaftswährung zu sprengen, um wieder souverän zu werden und zur traditionellen italienischen Inflations- und Staatsausgaben-Politik zurückzukehren.

Die Konsequenz: Entweder die Euro-Zone lässt sich erpressen, das überschuldete Italien noch stärker als bisher über die Notenpresse zu finanzieren, oder Italien steigt – über eine Parallelwährung, die auch Griechenland schon mal geplant hatte – aus dem Euro aus.

Wegen der Wirtschaftskraft Italiens und seiner Bedeutung als EU-Gründungsland wäre das der Todesstoß für den Euro.

Zahlen müsste in jedem Fall Deutschland: Mit neuen Milliardentransfers in ein Fass ohne Boden oder, wenn der Euro platzt, durch den Verlust von faktisch uneinbringbaren 400 Milliarden Euro, die Italiens Notenbank im Target-2-System heute schon der Bundesbank schuldet.

Dass man in Deutschland die Entwicklung in Italien mit Argusaugen beobachtet, ist also nicht unberechtigt. Deplatziert ist die Arroganz, mit der deutsche Medien ins »Populismus«-Horn der politischen Klasse tuten, statt kritische Fragen an die deutsche Politik zu stellen.

Vom Tempo und vom Erneuerungswillen der Regierungsbildung in Rom könnte sich die GroKo nämlich gut eine Scheibe abschneiden. Und am Ende ist es nicht die neue italienische Regierung, die Europa und den Euro »spaltet«, sondern die sture und bedingungslose »Offene Grenzen und Euro über alles«-Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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