Totschlag-Urteil gegen Frauenärzte:

Zwilling im Mutterleib totgespritzt

Totgespritzt: Nur einer der beiden Zwillinge durfte leben (Archivbild)

Zwei Ärzte mussten sich am Dienstag am Landgericht Berlin verantworten, weil sie beim Kaiserschnitt einen Zwilling im Mutterleib getötet hatten. Die beiden Gynäkologen haben einen gesunden Zwilling entbunden, die behinderte Schwester danach mit Kaliumchlorid getötet. Der Richter spricht von einer »nicht hinzunehmenden Hybris« der Ärzte.

Die Oberärztin Babett R. und der ehemalige Chefarzt Klaus V. gaben an, 2010 bei der Geburt das Beste für den einen Zwilling gewollt zu haben. Der andere Zwilling, der an einer schweren Hirnschädigung litt, sollte nicht geboren werden. Per Kaiserschnitt wurde erst das gesunde Kind geholt und seine kranke Zwillingsschwester dann im Mutterleib mit Kaliumchlorid getötet. Dass die Ärzte damit gegen das Gesetz verstießen, das wollen die beiden nicht gewusst haben.

Nun – neun Jahre später – wurden die beiden Frauenärzte dafür verurteilt. Die 32. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin hat die beiden Berliner Ärzte am Dienstag wegen gemeinschaftlichen Totschlags in einem minderschweren Fall verurteilt. Das Gericht verurteilte die 58-jährige Babett R. zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, den 73-jährigen Klaus V. zu einem Jahr und neun Monaten. Ins Gefängnis müssen sie indes nicht. Die Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt.

»Es ist gemeinschaftlich begangener Totschlag«, entschied das Landgericht Berlin. Dass die beiden nicht gewusst hätten, dass sie gegen das Gesetz verstießen, nannte der Richter »schlichtweg unglaubhaft«. »Sie sind hochkarätige Ärzte, keine Kurpfuscher, keine Feld-, Wald- und Wiesenärzte.« Dass sie nicht wussten, dass es sich bei dem Eingriff nicht mehr um eine unter Umständen erlaubte Spätabtreibung handelte, hält das Gericht somit für ausgeschlossen. »Sie wussten ganz genau, was Sie taten«, so der Richter. Mit Beginn der Eröffnungswehen beziehungsweise im Fall eines Kaiserschnitts mit Eröffnung des Uterus werde dem Strafrecht zufolge aus dem Fötus ein Mensch. »Mit nicht hinzunehmender Hybris haben Sie sich über das Recht hinweggesetzt.« Die Mediziner hätten den tödlichen Eingriff vorgenommen, obwohl von dem kranken Zwilling keine Gefahr für das gesunde Kind und die Mutter ausgegangen sei, wertete das Gericht weiter. Die beiden Ärzte hätten der Mutter die Zusage gemacht, nur das gesunde Kind zur Welt zu bringen. Diese Vereinbarung hätten sie umsetzen wollen – »koste es, was es wolle«. Und sie hätten damit »die rote Linie überschritten«.

Die Mutter der eineiigen Zwillinge war in der 32. Schwangerschaftswoche, als es im Juli 2010 zur Geburt kam. Bereits zuvor hatte es Komplikationen gegeben, weil sich die Föten die mütterliche Plazenta teilten. Bei einem Zwilling wurde zudem eine massive Hirnschädigung festgestellt. Die Eltern hätten sich nach ausführlicher Beratung zu einer Spätabtreibung des kranken Zwillings entschieden, hieß es im Prozess. Die Verteidiger argumentierten, ihre Mandanten seien von einer zulässigen Spätabtreibung im Mutterleib ausgegangen. Sie hätten »den maximal sicheren Weg für den gesunden Fötus« gehen wollen. Eine medizinische Indikation für einen späten Abbruch habe vorgelegen. Die Eltern der Zwillinge hätten sich für einen sogenannten selektiven Fetozid entschieden. »Wir waren der Meinung, dass ein Fötus ein Fötus ist, solange er in der Gebärmutter ist«, so die Angeklagten. Ihre Anwälte plädierten auf Freispruch.

Die Verteidigung kündigte nach der Urteilsverkündung bereits Rechtsmittel an. Damit wird der Fall vor den Bundesgerichtshof gehen.

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