Unteilbar gegen Deutschland und die Freiheit

Eine Kolumne von Boris T. Kaiser

Bei der »#unteilbar«-Demonstration in Dresden marschierte mal wieder alles auf, was sich dem gemeinen Volk moralisch überlegen fühlt. Um an dieser Volksverachtung erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, hatten die Veranstalter bereits im Vorfeld erklärt, dass die schwarz-rot-goldene Fahne auf der Kundgebung, deren Motto nicht sinnentstellender hätte sein können, nicht erwünscht sei. Die Farben, die für Einigkeit und Recht und Freiheit stehen, passten, in den Augen der »#unteilbar«-Organisatoren, nicht zu Sinn und Zweck des Marsches. Diese Einsicht war vielleicht die einzige Aussage, mit der das »bunte Bündnis gegen rechts« an diesem Tag tatsächlich Recht hatte.

»Klassenkampf statt Vaterland«: Gruppen aus dem linksradikalen und linksextremen Spektrum marschierten auf der »#unteilbar«-Demo Seit an Seit mit Politikern der Altparteien

Denn natürlich widersprach der vermeintliche »Protest für ein weltoffenes Deutschland« so ziemlich allem, wofür diese Republik einst stand und worauf sie aufgebaut wurde. Dies zeigte sich anhand der Fahnen, die bei der Demo erlaubt waren, vielleicht noch deutlicher als an dem Verbot der eigenen Landesflagge. So wehten im Dresdener Wind unter anderem die Banner der linksextremen »Antifa« sowie Hammer und Sichel genauso unbeschwert, wie die des Unrechtsstaats der DDR. Letztere muss für alle, die diese Diktatur einst selbst miterlebt haben und in den aktuellen Repressionen gegen alle Andersdenkenden eine Art Auferstehung der alten roten Autokratie sehen, ein besonderer Schlag ins Gesicht gewesen sein.

Keine Berührungsängste mit Linksaußen: die SPD-Politiker (v.re. ) Martin Dulig (stellvertretender Ministerpräsident von Sachsen), Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz, Thorsten Schäfer-Gümbel (stellv. SPD Parteivorsitzender im Bund) auf der »#unteilbar«-Demo

Die anwesenden Politiker aus Regierung und linker Opposition störten sich an den Kennzeichen der Extremisten und Symbolen der alten Sozialisten und Kommunisten offenbar genauso wenig, wie der Großteil der deutschen Medien, die von den Pro-Regierungskundgebungen mit größerer Begeisterung berichteten, als von den Demokratie-Protesten in China. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten machten ihrer Bezeichnung als »Staatsfunk« alle Ehre, indem sie dem Zuschauer den wie bestellt wirkenden antideutschen Aufmarsch gegen die drohende Erstarkung der größten Oppositionspartei in Deutschland tatsächlich als »breites Bündnis für die Demokratie und gegen Rassismus« verkaufen wollten. Die ›ARD‹-Tagesschau berichtete träumerisch: »Unter dem Motto ›Solidarität statt Ausgrenzung‹ wollen sie Sachsens Landeshauptstadt unteilbar machen.« Und bei »ZDF heute« hieß es: »Eine Woche vor der Wahl in Sachsen haben Zehntausende Menschen in Dresden bei einer Demonstration des Bündnisses ›unteilbar‹ Flagge für eine offene und solidarische Gesellschaft gezeigt.« Das ›ZDF‹ sprach von »einer der größten Demos seit der Wende«, gerade so, als hätten die »unteilbaren« Politiker der etablierten Parteien und ihre linientreuen Anhänger nicht mehr mit den Vertretern des einstigen DDR-Regimes gemeinsam als mit denen, die damals für Freiheit, Demokratie und die Wiedervereinigung, unter Einsatz ihres Lebens, jeden Montag auf die Straße gegangen sind.

Die Freiheitskämpfer in der DDR gingen für die Überwindung des Kommunismus auf die Straße – Einige der von den Medien in den Himmel gelobten »#unteilbar«-Demonstranten wollen ihn wieder einführen

Die tapferen Freiheitskämpfer von damals hatten nun wirklich so gar nichts gemeinsam mit den gratismutigen Einheitsmarsch-Teilnehmern von heute. Die Hörigkeit gegenüber der linksgrünen Obrigkeit, die die »#unteilbar«-Demonstranten an den Tag legten, wirkte mitunter regelrecht bizarr. Im Internet kursiert ein Video, in dem die Demonstranten gemeinsam eine Art Treueid sprechen. Der wie in Trance wirkenden Gruppe zu unterstellen, sie sei einer Gehirnwäsche zum Opfer gefallen, wäre falsch. Denn um jemandem etwas aus dem Gehirn zu waschen, müsste sich in diesem ja überhaupt erst einmal irgendetwas befinden, das man herauswaschen könnte. Die Menschen in dem Video machen allerdings den Eindruck, als wäre in ihrem Kopf von Natur aus bereits sehr viel freier Platz für »neue Ideen« gewesen.

Kritik an der Verbannung der Flagge der Bundesrepublik, oder gar an den fahnenschwenkenden politischen Extremisten von links, sucht man vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Medien weitgehend vergebens. Stattdessen kritisierte zum Beispiel der ›Deutschlandfunk‹ die CDU in Sachsen dafür, dass diese sich nicht in die linksgrüne Einheitsfront gegen die AfD und alles, was rechts ist, eingereiht hat. Oder in den Originalworten der Staatsreporter vom ›Dlf‹: »Traurig, dass die CDU sich gedrückt hat.« Öffentliche Schelte für die Nichtteilnahme an einer Macht-Demonstration der Obrigkeit. So manch öffentlich-rechtlicher, deutscher »Journalist« hätte auch beim türkischen Staatsfernsehen eine prima Karriere gemacht.

Boris T. Kaiser

Boris T. Kaiser

startete seine Karriere als Gagschreiber für zahlreiche Comedy- und Satire-Formate. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt journalistisch und als politischer und gesellschaftlicher Kommentator. Er schreibt unter anderem für ›Die Achse des Guten‹, ›Tichys Einblick‹ und die Wochenzeitung ›Junge Freiheit‹. Kaiser betreibt außerdem den Blog brainfuckerde.wordpress.com.

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