Vom Saulus zum Paulus

Paulus hieß eigentlich Saulus. Er war ein jüdischer Schriftgelehrter und als solcher zunächst ein gnadenloser Christenverfolger. Dann hatte Saulus, wie wir in der Apostelgeschichte erfahren, eine sehr persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Aus Saulus wurde der Apostel Paulus, einer der eifrigsten Missionare des frühen Christentums.

Saulus-Paulus-Beispiele gibt es auch in der Politik. Das bekannteste ist Herbert Wehner (1906–1990). Der legendäre SPD-Fraktionszuchtmeister war führender KPD-Funktionär und wurde nach dem Krieg zu einem leidenschaftlichen Demokraten und kompromisslosen Kommunistenhasser.

Ein anderes (aktuelleres) Beispiel, wenngleich in einem viel kleineren Maßstab, ist Kay Scheller (59), der Präsident des in der Ministerialbürokratie gefürchteten Bundesrechnungshofes (BRH) mit Sitz in Bonn.

Als Scheller 2014 zum obersten Rechnungsprüfer der Republik avancierte, gab es viele Zweifler, ob er nicht eher ein Auftragnehmer der Union sei. Denn vor seinem Wechsel auf den mit gut 13.000 Euro dotierten BRH-Job diente Scheller dem abgehalfterten Merkel-Laufburschen Volker Kauder (CDU) als »Fraktionsdirektor«. Schellers Karriere hatte 1991 im Bundesfamilienministerium begonnen – unter der damaligen »Frauenministerin« Angela Merkel (CDU). Seine Frau Marion arbeitete zuletzt bei Helmut Kohl (1930–2017) als Leiterin des Altkanzlerbüros. Insofern waren einige Vorbehalte gegen Scheller als BRH-Präsident nicht ganz unbegründet. Wurde da womöglich der Bock zum Gärtner gemacht?

Ein Beamter mit Rückgrat und ein wachsamer Anwalt der Steuerzahler: der Präsident des Bundesrechnungshofes, Kay Scheller

Schon bald sollte sich zeigen, dass die anfänglichen Bedenken haltlos waren. Und wieder einmal sollte sich die alte Erfahrung bestätigen, dass das Amt den Mann formt und nicht umgekehrt. Unter Scheller wurde der BRH zu einer unnachsichtigen Anklagebehörde gegen die milliardenfache Vergeudung von Steuergeldern durch die Chaos-GroKo.

Die Rechnungsprüfer rügten den Bau unsinniger Verkehrsleitsysteme ebenso wie die staatlichen Kaufprämien für E-Autos. Im Skandal um den freihändigen Einsatz externer Berater für dreistellige Millionensummen warf die Bonner Behörde Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorsätzlichen Rechtsbruch vor. Für die explodierenden Kosten im Fall des Marine-Segelschulschiffes »Gorch Fock« machten die Rechnungsprüfer schwere Versäumnisse im Verteidigungsministerium verantwortlich – die Instandsetzung des Schiffes sei von Beginn an schlampig geplant worden.

Unter dem derzeitigen Präsidenten jedenfalls hat der Bundesrechnungshof seinem Namen als oberster Anwalt des Steuerzahlers alle Ehre gemacht. Kay Scheller ist übrigens der Einzige, dem Angela Merkel Rechenschaft ablegen muss über die Entnahmen aus ihrem geheimen »Reptilienfonds« in Höhe von 100.000 Euro jährlich. (oys)

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