Was wirklich hinter Trumps Grönland-Vorstoß steckt

Eine Analyse von Einar Koch

Die Diskobucht an der Westküste Grönlands: Geopolitisch könnte der kalte Norden zum heißen Pflaster werden

Dass US-Präsident Donald Trump irre sei, darin sahen sich sogenannte Außenexperten und Qualitätsmedien dieser Tage wieder einmal eindrucksvoll bestätigt. Sie machten sich erst gar nicht die Mühe, zu hinterfragen, was wirklich hinter Trumps Kaufinteresse an Grönland steckt.

Die ›Frankfurter Rundschau‹ witzelte mit Blick auf das Interesse der USA an der zu Dänemark gehörenden Riesen-Insel in der Arktis: »Donald will ein Eis!« Die linke Berliner ›tageszeitung‹ (taz‹) spottete: »Kann Trump nicht einfach England kaufen?« Dann wäre die EU die renitenten Briten endlich los.

Der Reihe nach: Trump, den laut deutschen Medien »der Amtsarzt weiterhin US-Präsident sein lässt«, stieß bei der dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen mit seinem Grönland-Vorstoß auf Ablehnung. Die Dänen wollen ihr innenpolitisch autonomes Staatsgebiet behalten. Die Absage aus Kopenhagen nannte der US-Präsident in dem ihm eigenen ›Twitter‹-Jargon »böse«. Dennoch verhandeln die Außenminister nunmehr über eine engere Zusammenarbeit im ewigen Eis. Und dies aus gutem Grund.

Denn dass der »Rückfall in den Kolonialismus« (›taz‹) möglicherweise geostrategische Gründe haben könnte, kam den Chefstrategen in den deutschen Redaktionsstuben erst gar nicht in den Sinn. Bekanntlich befinden sich die USA aktuell in einem Handelskrieg mit China. Die Führung in Peking wiederum hat massives Interesse an der Arktis und sucht händeringend einen Stützpunkt in der Region. Dabei locken weniger die schier unermesslichen Fischgründe; die Chinesen haben vor allem ein handfestes Interesse an Bodenschätzen sowie an einer militärischen und handelspolitischen Vormachtstellung im ewigen Eis.

Trump steckt die US-»Claims« im Norden ab

Trumps spektakulärer Vorstoß zum Kauf Grönlands richtete sich denn auch nur vordergründig an die Regierung in Kopenhagen. Der eigentliche »Adressat« war die Führung in Peking. Trump steckt die »Claims« der Amerikaner im hohen Norden ab. Der US-Präsident will unbedingt verhindern, dass die Chinesen in der Arktis weiter Fuß fassen.

Dazu lohnt es sich, ein wenig im Internet zu recherchieren. Im Januar 2016 hielt Kapitänleutnant Laura Ohlendorf bei einer Veranstaltung der »Deutschen Marine« (Bundesmarine) einen bemerkenswerten Vortrag, der Trumps Interesse an Grönland nachträglich in einem sehr realen Licht erscheinen lässt. Die Tagung der Marine in Dobbin-Linstow (Landkreis Rostock) stand unter dem beziehungsreichen Motto »Kalt, aber heiß – die Nordflanke«. Der hochinteressante Beitrag der Marine-Offizierin ist im Internet nachzulesen.

Frau Ohlendorf bringt die Dinge in einer messerscharfen Analyse auf den Punkt: »Grönland könnte, neben der geostrategischen Alternative Island, eine mögliche Basis für einen chinesischen Arktis-Stützpunkt sein.«

USA verstärken Großübungen im ewigen Eis

Besonders die Vereinigten Staaten haben deshalb ihr Engagement im hohen Norden mit Großübungen ihrer Streitkräfte ausgeweitet. Allein fünf Wochen dauerte das U-Boot-Manöver »Ice Exercise 2018«. Dabei setzten die USA ihre nuklearen U-Boote »USS Connecticut« und »USS Hartford« zum Nordpol in Marsch. US-Streitkräfte errichteten ein »Command Center« auf einer Eisscholle direkt am Nordpol – ein ungeheurer logistischer Aufwand. Die U-Boot-Operationen umfassten Auftauchmanöver am Nordpol, Torpedoschießen, Kommunikationsübungen unter Eis, Sammeln von Unterwasserdaten oder Entwickeln/Erproben von Taktiken und Verfahren für U-Boot-Operationen in Arktischen Gewässern, berichtete die Fachzeitschrift ›Europäische Sicherheit & Technik‹.

Eine Bundeswehr-Studie zieht längerfristig eine Unabhängigkeit der nur innenpolitisch souveränen Insel Grönland von Dänemark in Betracht. Diese könnte die Gewichte in der Region erheblich verschieben. Spätestens dann hätten die Chinesen im Machtpoker um die Vorherrschaft im ewigen Eis ein gutes Blatt auf der Hand. China, dessen Rohstoffhunger unersättlich ist, macht grönländischen Politikern schon länger den Hof.

Der kalte Norden könnte heiß werden

Wie Recht übrigens die deutsche Marine-Offizierin Ohlendorf haben sollte, zeigt die jüngste Entwicklung. Die Führung in Peking veröffentlichte eine eigene Arktis-Strategie, in der sie die Unternehmen im »Reich der Mitte« aufruft, die »polare Seidenstraße« zu nutzen.

Nachdem die Grönländer bei den vergangenen Wahlen die nach vollständiger Unabhängigkeit strebenden Kräfte stärkten, kam es zu einer Intensivierung der Kontakte zu China. Das »Center for Naval Analyses« in Washington beziffert den Wert chinesischer Investitionen in der Arktis bereits auf 90 Milliarden US-Dollar. China will auf Grönland Flugplätze bauen und Bodenschätze gewinnen – bisher gab es regelmäßig Vetos der dänischen Schutzmacht gegen solche Bestrebungen. Doch sollten die Grönländer sich von Dänemark lossagen, brauchen sie Ersatz für die 500 Millionen Dollar, welche die Regierung in Kopenhagen bisher jährlich nach Grönland überweist.

FAZIT: China versucht – koste es, was es wolle – in der Arktis weiter Fuß zu fassen. Die USA wollen das – koste es, was es wolle –unterbinden. Der kalte Norden könnte tatsächlich heiß werden.

Einar Koch

Jahrgang 1951, war bis 2016 politischer Chef-Korrespondent der ›Bild‹-Zeitung.

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