Weltuntergangsstimmung und Massenhypnose:

Die Greta-Religion als demokratische Gefährdung

Die Klimabewegung um Greta Thunberg hat längst pseudoreligiöse Züge angenommen: Vor allem bei den leicht hysterisierbaren Deutschen fällt die Mischung aus politischer Radikalität und messianischer Heilserwartung auf fruchtbaren Boden

Ein Gastbeitrag von Matthias Matussek

Dass der Klima-Heiligen Greta Thunberg nach ihrer CO2-sparenden Überfahrt aus den USA ins alte Europa in Lissabon ein Esel zur Weitereise nach Madrid angeboten wurde, passte ins Bild. Maria ritt auf dem Esel bei der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten; Jesus ritt auf einem Esel durchs jubelnde Spalier seiner Anhänger.

Das Angebot zum Esel kam von der religiösen Gemeinschaft Talavera de la Reina bei Toledo. Der Esel tritt als Votivbild in diesen Kampf der Metaphern und Symbole ein, als religiöser Impuls einer ohnehin ins metaphysisch driftende Realpolitik.

Schließlich verzichtete Greta auf den Esel und nahm den Zug, der wahrscheinlich weit CO2-sparender ist, wenn man daran denkt, dass sich auch ein Esel Luft machen muss auf einer so langen Reise.

Aber es ist wohl das Grundproblem unserer Zeit: Wo wir rechnen und kühl kalkulieren sollten, hat Panik und Massenhypnose übernommen, während wir dort, wo wir uns unserem Schöpfer öffnen sollten und Dank und uns zum Gebet hinknien sollten, mit aggressiver Antireligiosität, mit dumpfem Atheismus rechnen müssen.

Doch es gibt Ersatz.

Schon das Wort »Klima« hat alle Ingredienzien einer Ersatzreligion: Es kennt die Prophetin, es kennt die Sünde und die Buße, es handelt eschatologisch von den letzten Tagen, es hat aus einer meteorologischen Gegebenheit einen seelischen Ausnahmezustand gezaubert, Klima, ein planetarisches Bewusstsein.

Da gibt es die Frommen, aber auch das verworfene Volk der »Klimaleugner«, der Sünder, der Unbelehrbaren und Unbekehrten. Die Wissenden aber verstehen das Geheimnis, das sich hinter jedem heißen Tag, jedem Schneeschauer verbirgt, sie verstehen es, zu kämpfen – oder auch sich dem Grauen des Untergangs zu ergeben und ihre Kapitulation in eine Erlösung zu kleiden.

Für sie sind diese letzten Tage vollgesogen von einer Stimmung wie sie in Lars von Triers »Melancholia« herrscht, in der Kirsten Dunst in dieser Mittsommer-Hochzeitsnacht nackt am Ufer eines Sees liegt und den tödlichen Planeten-Einschlag erwartetet.

Dass es vor allem die Jugendlichen sind, die fast psychedelisch in den Bann dieser kosmologischen Naherwartung gesaugt werden, erinnert durchaus an die Hippie-Bewegung der 68er, allerdings wurde damals das optimistische Heraufziehen eines neuen Zeitalters erspürt, »This is the dawning of the age of Aquarius«, das Zeitalter des Wassermanns, in dem alle singen »Let the sunshine in«. Aber das hier ist nun das schwarze Gegenprogramm, die Auslöschung, das ewige Nichts.

Und es ist eine Wiederholung, denn all die Untergangsprophetien erinnern an die Zeit der »Inflationsheiligen«, an das Wuchern von Heilslehren und das Auftauchen von Messias-Figuren in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg, Charismatiker, die all jene abgriffen, die die revolutionären Agitatoren nicht mehr erreichen konnten, Menschen, die nicht mehr an den Umsturz der Verhältnisse glauben konnten, oder nur noch an den radikalsten, den es gibt: das Weltende.

Carl Christian Bry, Sohn eines Metzgerei-Unternehmers, der bereits mit 34 Jahren an einer in der Novemberrevolution 1918 aufgebrochen Typhuserkrankung starb, schrieb über diese modischen oder apokalyptischen Vernarrtheiten in einem Buch »Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns«.

Darunter fielen für ihn Temperenzler ebenso wie fanatische Vegetarier, und all die die Verwehten und Verlorenen des Krieges, die sich um Führerfiguren wie den »Messias von Thüringen«, Friedrich Muck-Lamberty, scharten, oder Emil Leibold, den »Heiland vom Horeb«, oder den »Naturpropheten« Gusto Gräser, den Gründer der Nudisten-Kommune »Monte Verita« im Tessin, die auch Hermann Hesse besuchte, oder den »Erlöser der Menschheit«, Ludwig Christian Haeusser, der die Welt als »Scheisshaufen« bezeichnete, die er zu reinigen habe und zwar durch »Blut … Blut … Blut …«, und der nach mehreren Gefängnisaufenthalten 1927 starb.

Während andere bürgerliche Karrieren einschlugen und zum Beispiel, wie Emil Leibold, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auftauchten und bei der Bundesbahn landete.

Diese Messias-Fixierung eines geschlagenen und gedemütigten Volkes, die sich schließlich im Hitler-Kult entladen durfte und in einer hochgepeitschten Manie namens »Antisemitismus«, war nicht nur eine deutsche Angelegenheit – auch andere europäische Nationen wie die italienische suchten sich politische Hypnotiseure wie Mussolini.

Doch die deutschen waren darin am gründlichsten. Gemeinsam war ihnen allen die Fixierung auf eine Idee. Zum Antisemitismus wusste Christian Carl Bry plausibel auszuführen: »Dem Hinterwäldler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung. Das Ding selbst ergreift ihn nicht mehr … Man spreche einmal mit einem Menschen, dem etwa der Antisemitismus zur verkappten Religion geworden ist, über das Salzfass auf dem Esstisch. Sein besessener, nach Bestätigungen hungernder Geist wird nach zwei Sätzen bei der These angekommen sein, dass schon die alten Juden beim Salzhandel aus Phönizien betrogen hätten oder dass der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen natürlich viel zu hoch sei. Er ist positiv unfähig geworden, ein Salzfass zu sehen …«

So sind die Agitatoren von »Fridays For Future« und noch erheblich intensiver die Anhänger der »Extinction Rebellion«-Bewegung unfähig, einen Regentag als das zu sehen, was er ist: eben Regen. Oder einen heißen Julitag als das, was er ist: einen Sommertag. Geschweige denn sich auf die Argumente derjenigen einzulassen, die einen menschengemachten CO2-Anstieg bezweifeln bzw. ihn nicht in dem dramatisierten Ausmaß erkennen.

Diese werden als Feinde wahrgenommen, als Gegner der Jugend, als virtuelle Henker einer ganzen Generation, gegen die jedes Kampfmittel erlaubt ist.

Wer die Menschenmassen sah, die sich um Greta Thunbergs Einzug in Madrid nahezu ekstatisch um sie scharten, bekommt einen Eindruck vom Feuer, das in dieser Bewegung lodert und der religiösen Radikalität, aus der es sich nährt.

Und wenn nun der »Klima-Notstand« vom EU-Parlament ausgerufen wurde, sollten vor allem die stark beteiligten Deutschen vorsichtig sein und an jenen »Ausnahmezustand« denken, mit dem die demokratischen Rechte schon einmal aus dem Weg geräumt wurden, nämlich zur Machtergreifung Hitlers. Das betrifft die Einschränkung der Pressefreiheit, der Reisefreiheit, der finanziellen Transaktionsfreiheit.

»Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand verfügt«, schrieb Carl Schmitt in seiner »Politischen Theologie« von 1922. »Der Ausnahmefall offenbart das Wesen der staatlichen Autorität am klarsten […] die Autorität beweist, dass sie, um Recht zu schaffen, nicht Recht zu haben braucht.«

Dass die Mischung aus politischer Radikalität und messianischer Heilserwartung unser leicht hysterisierbares Volk schon einmal in den Abgrund gestürzt hat, scheint merkwürdig in Vergessenheit geraten zu sein – angesichts all des antifaschistischen Eifers, den unsere Regierung gleichzeitig so dauerhaft und intensiv anzufachen versteht, dass ihre Untätigkeit und kostspielige Inkompetenz in einem ständigen Bodennebel verschwindet.

Passen wir höllisch auf!

Wie großartig und wach man sich dieser allgemeinen Aufforderung zum Wahn und zur Selbsthypnose entziehen kann, beweist die junger Bloggerin Naomi Seibt in ihren Interviews, sowohl auf dem gleichzeitig mit der offiziellen Madrider Veranstaltung tagenden »Heartland Conference« wie mit ›Breitbart‹:

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