Wieder mehr Firmenpleiten

Das Einzige, was in Deutschland (noch) boomt, ist der Niedriglohnsektor!

Eines der beliebtesten Narrative über das Land, in dem wir gut und gerne leben, geht so: Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist »so niedrig wie seit Langem« nicht mehr. Im Januar hingegen stieg die Zahl der Firmenpleiten drastisch an – und zwar ebenfalls wie seit Langem nicht mehr. Experten warnen vor einer Trendwende.

Immer mehr Firmen müssen in Deutschland Insolvenz beantragen

Das Einzige, was derzeit boomt, ist der Niedriglohnbereich. Der umfasst laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bereits neun Millionen Beschäftigungsverhältnisse – davon eine Million im Leiharbeitssektor. Somit arbeitet jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland zu Niedriglöhnen. Leonid Bershidsky, Europa-Korrespondent bei der Nachrichtenagentur ›Bloomberg‹, ätzt: Angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs könne sich Deutschland »auf eine Armee von schlecht bezahlten Arbeitern verlassen«.

Dazu passt: Die Zahl der Firmenpleiten ist im Januar so kräftig gestiegen wie seit einem Dreivierteljahr nicht mehr. Die deutschen Amtsgerichte registrierten 1.700 Unternehmensinsolvenzen und damit 5,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, gab das Statistische Bundesamt in dieser Woche bekannt. Die meisten Insolvenzen gab es demnach im Handel (einschließlich Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen) mit 300 Pleiten, es folgten die Baubranche (265) und das Gastgewerbe (208).

Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger aus beantragten Unternehmensinsolvenzen bezifferten die Amtsgerichte für Januar 2019 auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Im Januar 2018 hatten sie zwar noch bei rund 2,8 Milliarden Euro gelegen. Aber der Rückgang der Forderungen bei gleichzeitigem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen ist darauf zurückzuführen, dass im Januar 2018 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen pleitegegangen waren. Zu den prominentesten Bankrotteuren seit Jahresbeginn zählten die Fluggesellschaft »Germania« und der Modekonzern »Gerry Weber«, die sich beide für zahlungsunfähig erklärten.

Zusätzlich zu den Unternehmensinsolvenzen meldeten 7.770 »übrige Schuldner« im Januar 2019 Insolvenz an. Darunter waren 5.868 Insolvenzanträge von Verbrauchern und 1.546 Insolvenzanträge von Selbstständigen, die ein Verbraucher- oder ein Regelinsolvenzverfahren durchlaufen.

Wegen der bis in den Spätherbst anhaltend guten Konjunktur, die von der EZB mit Billigkrediten befeuert wurde, waren die Firmenpleiten in Deutschland neun Jahre in Folge zurückgegangen. Die Wirtschaftsauskunftei »Creditreform« rechnet für dieses Jahr wegen der deutlichen Konjunktureintrübung insgesamt mit mehr Firmenpleiten.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sagen für dieses Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 0,8 Prozent voraus, nachdem es 2018 gerade noch zu 1,4 Prozent gereicht hatte. Gründe für die Schwäche sind die schlechtere Weltkonjunktur, Handelskonflikte und Risiken wie der Brexit.

Deutsche Top-Unternehmen bauen deshalb bereits massenweise Arbeitsplätze ab (der Deutschland Kurier berichtete).

Und selbst am Bau, der bisher dank des billigen Geldes boomte, wird die Stimmung schlechter. Nach Jahren brummender Geschäfte verliert die Baukonjunktur an Schwung. Weil sich der Wohnungsbau abschwäche und die Branche an ihre Kapazitätsgrenzen stoße, werde der Hochbau nicht mehr so stark wachsen wie zuletzt, resümiert eine aktuelle Studie der Beratungsfirma »EY Parthenon«.

Ab Donnerstag tagen in Washington der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Schon vor Beginn der Frühjahrstagung hat der IWF in seinem halbjährlichen Konjunkturbericht seine Vorhersagen bezüglich der Weltwirtschaft auf 54 Seiten erneut deutlich gesenkt. Als Gründe werden vor allem Handelskonflikte und andere politische Turbulenzen wie das Brexit-Gewürge angeführt. Eine neue Weltwirtschaftskrise sei zwar noch vermeidbar; aber Voraussetzung dafür sei, dass es gelinge, den Abwärtstrend zu stoppen.

Zum dritten Mal binnen weniger Monate musste der Internationale Währungsfonds seine Konjunkturprognosen für weite Teile der Welt teils sogar drastisch zurücknehmen.

Beispiel Deutschland: Noch im vergangenen Sommer sagten die Ökonomen der Bundesrepublik für 2019 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,1 Prozent voraus. In der jetzigen neuen Schätzung sind es gerade noch 0,8 Prozent. Und auch die Aussichten für 2020 sind mit plus 1,4 Prozent mau. Allein in diesem Jahr werden laut IWF rund 50 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung in Deutschland fehlen – Geld, mit dem Politik und Unternehmen noch vor Monaten fest gerechnet hatten und dessen Ausbleiben sich demnächst in den Firmenbilanzen und in der Staatskasse (sinkende Steuereinnahmen) bemerkbar machen wird. (hh)

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