Will München bald Amerika umbenennen?

Die spitze Feder aus Sachsen

Johannes Schüller

Was verbindet den Nobelpreisträger Robert Koch, den Philosophen Martin Heidegger, die Pianistin Elly Ney, den Schriftsteller Erich Kästner, den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und den Kardinal Michael von Faulhaber?

Zweifelsfrei: Auf den ersten Blick, so scheint es, mögen die Verstorbenen außer ihrer Prominenz und ihrer deutschen Nationalität nicht allzu viele Gemeinsamkeiten teilen. Dass jeder von ihnen Namensgeber einer Straße in München werden durfte, erscheint noch relativ banal. Doch der Schein trügt – zumindest wenn es nach mehreren von der Stadt München beauftragten Historikern geht. Über die genannten Prominenten besteht, so berichtet die ›Bild‹-Zeitung, »erhöhter Diskussionsbedarf« – ebenso wie über 314 andere Namensgeber mehrerer Straßen in der bayerischen Landeshauptstadt. Sie werden akut verdächtigt, in einem »chauvinistischen, extrem frauenfeindlichen, militaristischen, rassistischen oder antisemitischen, nationalsozialistischen Kontext« zu stehen! Egal wie hoch das Glaubwürdigkeitsproblem der etablierten Politik zu sein scheint: Die Zeit für besonders absurde Formen ritueller, politisch korrekter Vergangenheitsbewältigung fehlt mutmaßlich nie.

Akribisch erstellte Verdächtigenliste

Im Deutschland des Jahres 2020 genügt hier mitunter bereits der Verdacht eines solchen Zusammenhangs, um in die erinnerungspolitische Verbannung geschickt zu werden. Wer noch lebt, wird mit sozialer und beruflicher Ächtung bedacht. Für die Münchner SPD scheint die rückwirkende Gesinnungshygiene von besonderem Interesse zu sein. Seit 2016 ließ der Münchner Stadtrat auf einen Antrag der Sozialdemokraten hin überprüfen, wie viele der insgesamt 6.117 Straßennamen in einem politisch bedenklichen Zusammenhang stehen.

Die Federführung innerhalb der Historikergruppe übernahm der Leiter des Münchner Stadtarchivs Dr. Andreas Heusler. Das Resultat der umfassenden Gesinnungsprüfung stellt eine Verdächtigenliste dar, die nicht nur sehr viele prominente Deutsche umfasst. Die neurotische Vergangenheitsbewältigung, derer sich linke Bilderstürmer trotz sinkender Deutungshoheit auf immer absurdere Weise befleißigen, wird auf ganz Europa ausgedehnt. Denn sogar der italienische Amerikaentdecker Christoph Kolumbus muss nun um seinen Münchner Straßennamen zittern. Die sogenannten Experten kritisieren laut ›Bild‹-Zeitung den von ihm praktizierten »Zuckerhandel und Sklavenhandel« und erheben »Vorwürfe gegen seine Kolonialpolitik«!

Muss bald Amerika umbenannt werden?

Der Seefahrer Amerigo Vespucci, nach dem der Kontinent schließlich benannt wurde, soll übrigens Mitglied einer Gesellschaft gewesen sein, die zeitweise Kolumbus bei seinen Seefahrten unterstützt hat. Vielleicht sollte die Historikerinquisition folgerichtigerweise eine Umbenennung Amerikas in offiziellen Dokumenten der Stadt anregen? Wenn das erledigt ist, könnte man sich auch wieder mit sträflich profanen Problemen beschäftigen. Explodierende Mietpreise, die angestiegene multikulturelle Straßenkriminalität oder die Überlastung des öffentlichen Nahverkehrs sollen angeblich auch den ein oder anderen Münchner beschäftigen.

Johannes Schüller

ist Journalist und Publizist. Er baute zuletzt als Online-Chefredakteur die Netzausgabe der österreichischen Zeitung ›Wochenblick‹ auf. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich lebt er nun wieder in seiner sächsischen Heimat.

Drucken