Wir Deutschen singen nicht mehr

Die spitze Feder aus Sachsen

Johannes Schüller

Sanftes Spiel auf der Gitarre und geheimnisvolle Gesänge, die an alte Volkslieder erinnern, sorgen in dem kleinen Lokal im Herzen der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica für heitere Stimmung. In der Gaststätte »Lanterna«, gelegen im Stadtzentrum, treffen sich junge wie alte Einheimische, um den Tag genüsslich – am besten bei einem Rotwein aus der Region – ausklingen zu lassen. Schnell steigt in dem rustikal ausgestatteten, aus mächtigen Holzbalken und groben Steinen errichteten Lokal die Stimmung.

Unbekannt gewordene Szenen

Es ist ein besonderer Abend: Zahlreiche Männer tragen ein dunkles Sakko und ein helles Hemd – statt des sonst auf den Straßen oft gesehenen und spöttisch gern als heimliche »jugoslawische Nationaltracht« bezeichneten Jogginganzugs. Auch die Frauen haben sich dem Anlass entsprechend betont exklusiv und feminin gekleidet. Dabei handelt es sich um keine Veranstaltung, sondern eher um ein zufälliges Zusammenkommen bei montenegrinischen Volksweisen. Auch junge Gäste scheinen die Lieder, die sich nach alten Volksweisen anhören, gut zu beherrschen und wiegen ihre Körper im sehnsüchtigen Takt der Gitarrenklänge. Das ganze einander offenbar unbekannte Publikum im Raum stimmt in den mitunter melancholischen, mitunter heiteren Gesang ein.

»Wann erlebt man das noch bei uns?«, fragt ein Freund plötzlich in unserer deutschen Dreierrunde, die ihren Kurzurlaub in Montenegro verbringt und nun fasziniert die fröhliche Szenerie beobachtet. Ähnliches habe man in Berlin höchstens am Todestag von Peter Alexander am 12. Februar 2011 erlebt, als damals dessen Hit »Die kleine Kneipe« gespielt wurde und das Publikum der gesamten Stammkneipe andächtig eingestimmt habe. »Hier wird noch die eigene Kultur und Tradition gelebt, während das in Deutschland oft negiert wird«, stimmt der zweite Freund zu und bestellt voller Begeisterung gleich noch eine Flasche montenegrinischen Rotweins.

Linke Lieder-Inquisition

Die bittere Wahrheit: In Merkel-Deutschland wird heute viel mehr unternommen, um eben solche nationalen Gemeinschaftsgefühle im Keim zu ersticken. Bereits unsere Lieder erweisen sich in den hartherzigen Augen linker Tugendwächter nicht selten als höchst verdächtig. Das beliebte Westerwaldlied geriet im November 2018 ins Visier linksgrüner Gesinnungswächter, nachdem es Mitglieder der »Jungen Union« in einer volksnahen Berliner Eckkneipe gesungen hatten. Bereits 2017 wurden unter der damaligen CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einige Lieder aus dem neuen Bundeswehr-Liederbuch gestrichen. Und auch der in Deutschland beliebte österreichische VolksRock-’n‚-Roller Andreas Gabalier muss zähneknirschend zuschauen, wie selbsternannte »Rechtsextremismus-Experten« seine Texte in höchst inquisitorischer Absicht zerpflücken. Wie aber soll bei so viel zerknirschter Scham und Selbstgeißelung eigenes, national tradiertes Liedgut gepflegt werden? In Montenegro würde man bei so viel Selbstverneinung wohl nur verwundert den Kopf schütteln – und fröhlich den nächsten Cantus anstimmen.

Johannes Schüller

ist Journalist und Publizist. Er baute zuletzt als Online-Chefredakteur die Netzausgabe der österreichischen Zeitung ›Wochenblick‹ auf. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich lebt er nun wieder in seiner sächsischen Heimat.

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