Wirecard-Skandal:

»Der Fehler liegt im System«

Beim Bezahldienstleister Wirecard sind nicht nur 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz verschwunden. Mit diesem Skandal sind auch Deutschlands Hoffnungen auf ein zweites bedeutendes Digitalunternehmen nach SAP zerstoben. Möglich wurde das durch mangelnde Kontrolle der BaFin. Aber auch an den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften regt sich Kritik.

Es hätte alles so schön sein können: Mit dem 1999 gegründeten Zahlungsdienstleistungsunternehmen Wirecard ist ein international tätiges Digitalunternehmen entstanden, das mit anderen globalen Akteuren konkurrieren konnte. Doch schon 2008 kamen Gerüchte auf, wonach Wirecard Bilanzakrobatik betreibe. Doch weder der Finanzaufsicht BaFin noch der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) will etwas aufgefallen sein – bis vor Kurzem, als EY nach steigendem öffentlichen Druck das Testat verweigerte. Nun steht fest: Ein Viertel der Bilanzsumme von Wirecard, nämlich 1,9 Milliarden Euro, sind verschwunden oder waren nie existent. Wie konnte das passieren?

Wie am Sonntag die ›FAZ‹ berichtete, hat die BaFin die Kontrolle an ein externes Unternehmen vergeben. Dort war lediglich eine Person mit der Prüfung beschäftigt – bei vergleichbaren Unternehmen sind häufig Dutzende Prüfer tätig. Aber auch EY hat als externer Wirtschaftsprüfer jahrelang alles abgenickt, bezüglich der begrenzten Dokumentation der vorgeblich in Asien bestehenden Milliardenguthaben wurden keine Anstalten gemacht. Verständlich, da die Prüfunternehmen von den Firmen beauftrag und bezahlt werden – und einen Auftraggeber möchte man nicht unbedingt verärgern, also prüft man wohlwollender. Der bayrische Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller (AfD) sieht hier aber auch ein grundsätzliches Problem: »Mit den sogenannten Big Four, den vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, hat sich im Bereich der Wirtschaftsprüfung ein Oligopol mit einem Marktanteil von sage und schreibe 67 Prozent entwickelt. Das schadet nicht nur dem Wettbewerb, sondern wird von diesen Unternehmen auch ausgenutzt. Der Fehler liegt also im System und den regulatorischen Rahmenbedingungen.« Hinzu kommt, dass die großen Prüfungsgesellschaften oft mehrere Teilnehmer einer Branche prüfen. Dadurch entsteht ein Wissensvorteil gegenüber jedem einzelnen Marktteilnehmer. Dieses durch Prüfen entstandene Wissen verkaufen die Beratungen dann wieder an ihre Kunden und setzen es für Lobbying im eigenen Interesse ein.

Problematisch ist auch, dass Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nur bis maximal vier Millionen Euro haftbar gemacht werden können. Angesichts der bei Wirecard fehlenden 1,9 Milliarden Euro und der Umsätze von EY ist diese Summe gering. Während kleinere Beratungen in so einem Fall Pleite gingen, können die großen solche Summen locker stemmen. Das erklärt auch die Oligopol-Bildung in dem Marktsegment. In seinem Wirtschaftskonzept »Soziale Marktwirtschaft statt internationaler Finanzoligarchie – heimische Wirtschaft zuerst!« fordert Müller daher auch eine grundlegende Reform des Wirtschaftsprüfungswesens als auch des manipulativen Einflusses der Ratingagenturen. In jedem Fall muss nach dem Komplettversagen der Finanzkontrolle im Zuge des Enron-Skandals sowie im Rahmen der Finanzkrise und jetzt bei Wirecard für Wirtschaftsprüfung und die Bewertung durch Ratingagenturen endlich eine entschlossene regulatorische Reform ohne den üblichen Finanzlobbyeinfluss her. Eine Berücksichtigung der geprüften Bilanzhöhe für die Bewertung der Haftungshöhe der Wirtschaftsprüfgesellschaften wäre ebenfalls ein guter Anfang.

Von Peter Maier

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