13. August: Deutschland gedenkt der Maueropfer in Berlin

Die Erben der Mauermörder sitzen heute im Bundestag

»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten«, plärrte der SED-Ziegenbart Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in die Mikrofone der Weltpresse. Zwei Monate später wird die Berliner Mauer gebaut. Der Tag des Mauerbaus jährt sich heute zum 58. Mal.

Bau der Berliner Mauer im August 1961

In der Nacht zum Sonntag, dem 13. August 1961, erteilt SED-Chef Walter Ulbricht den Befehl zur Abriegelung der Berliner Sektorengrenze. Die Einsatzleitung obliegt Politbüro-Mitglied Erich Honecker. Die Bevölkerung, so hoffen die SED-Bonzen, ist abgelenkt durch das Wochenende. Mehr als 10.000 Volks- und Grenzpolizisten, unterstützt von einigen Tausend Mann der sogenannten Betriebskampfgruppen, reißen am frühen Morgen mitten in Berlin das Straßenpflaster auf, errichten aus Asphaltstücken und Pflastersteinen Barrikaden, rammen Betonpfähle ein, ziehen Stacheldrahtverhaue.

Mit Ausnahme von 13 Kontrollpunkten riegeln sie alle Sektorenübergänge ab. Der Durchgangsverkehr der S- und U-Bahnlinien wird dauerhaft unterbrochen, der Intersektorenverkehr auf je einen S- und U-Bahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße reduziert, dreizehn U- und S-Bahnhöfe werden für Ost-Berliner geschlossen.

Soldaten der »Nationalen Volksarmee« bewachen den Mauerbau

Mit dem Bau der Berliner Mauer vor 58 Jahren begann eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Es war der Anfang vom Ende der Freiheit zwischen dem von den Sowjets kontrollierten Ostteil der Stadt und den alliierten Westsektoren. Vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 teilte die Mauer Berlin.

Die DDR blutete aus

Das Monstrum war ► 167,8 Kilometer lang, ► 3,60 Meter hoch und hatte ► 302 Überwachungstürme. Das SED-Regime sicherte das Bauwerk mit ►11.500 Grenzsoldaten, ►500 Zivilbeschäftigten und rund 1.000 scharfen Hunden.

Mit insgesamt 302 Überwachungstürmen (im Bild an der Grenze zwischen Treptow und Neukölln) sicherte das SED-Regime die Mauer

Der damalige DDR-Staatschef Walter Ulbricht wollte die offene Grenze zwischen dem West- und dem Ostteil Berlins nicht länger akzeptieren. Schon Wochen zuvor hatte er den sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow gedrängt, eine Lösung für das Berlin-Problem zu finden. Das Problem der SED-Machthaber war: Jeden Monat flohen Tausende Menschen aus der DDR über Berlin in den freien Westen – darunter viele Facharbeiter und Akademiker. Zudem arbeiteten 50.000 Ost-Berliner im Westteil der Stadt; sie konnten mit der D-Mark ein weit besseres Leben führen als die große Mehrheit im Osten. Die D-Mark war 1961 etwa viermal so viel wert wie die DDR-Mark.

Moskau hatte andere Interessen

Chruschtschow hatte jedoch ganz andere Pläne als Ulbricht. Schon 1958 hatte der Kreml-Chef den Abzug der Westalliierten aus West-Berlin verlangt. Sonst, so der Sowjetführer, werde die UdSSR mit der DDR einen separaten Friedensvertrag schließen und ihr alle Kontrollrechte übertragen. Das hätte bedeutet: auch die Kontrolle über die Zugangswege nach West-Berlin. Damit hätte die Sowjetunion erreicht, was ihr mit der Berlin-Blockade 1948/49 misslungen war: West-Berlin von seinen Lebensadern abzuschneiden.

Die USA, Frankreich und Großbritannien gingen 1958 auf dieses neue Ultimatum des Sowjet-Diktators nicht ein. Doch Chruschtschow blieb stur. Am 4. Juni 1961 wiederholte er seine Forderungen gegenüber dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy bei einem Gipfeltreffen in Wien. Ganz Berlin liege auf dem Territorium der DDR, behauptete Chruschtschow.

Das Einsperren der eigenen Bevölkerung perfektioniert: Die Grenzanlage in Ost-Berlin während der Achtziger-Jahre

Das entsprach allerdings nicht der Rechtslage. Denn völkerrechtlich trugen die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs nach wie vor Verantwortung für ganz Berlin. Chruschtschow wollte die Westalliierten 1961 aber raus haben aus West-Berlin und die Westsektoren zu einer neutralen Stadt erklären. Ohne die Anbindung an den Westen hätten Moskau und Ost-Berlin dann leichtes Spiel gehabt, auch den Westteil unter ihre Kontrolle zu bringen.

Moskau erteilt seinen Segen zum Mauerbau

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges blieben die Westalliierten jedoch standhaft. Sie sahen zwar keine Möglichkeit, freie Wahlen in ganz Deutschland durchzusetzen und Deutschland eine Wiedervereinigung unter freiheitlichen Vorzeichen zu ermöglichen. Aber sie beharrten auf ihren Rechten in Berlin – und schützten damit die Freiheit der West-Berliner.

Nachdem Chruschtschows Plan erneut gescheitert war, erhielt Ulbricht von seinem sowjetischen Genossen am 3. August 1961 die Genehmigung, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin zu schließen. Für den sowjetischen Staats- und Parteichef bedeutete das, bei Licht betrachtet, eine Niederlage. Denn Chruschtschow musste die Anwesenheit der Westalliierten in West-Berlin nun auf Dauer hinnehmen.

Die schmerzlichsten Folgen hatte der Mauerbau jedoch für die Menschen in Ost-Berlin und der DDR. Denn sie hatten nun kein »Schlupfloch« mehr nach Westen. Und wer über die Mauer oder die innerdeutsche Grenze fliehen wollte, musste damit rechnen, erschossen zu werden. Dass es den von den SED-Schergen und ihren Epigonen in der zwischenzeitlichen PDS (heute Linkspartei) lange geleugneten »Schießbefehl« tatsächlich gab, ist schriftlich belegt.

Sein Schicksal erschütterte die Welt

137 Menschen kamen bei Fluchtversuchen allein in Berlin ums Leben, 1.393 waren es an der gesamten innerdeutschen Grenze. Das bekannteste Maueropfer war der Maurergeselle Peter Fechter. Er verblutete am 17. August 1962, erst 18 Jahre alt, im Todesstreifen an der Zimmerstraße – durchsiebt von 35 Kugeln. Die Bilder gingen um die Welt.

Opfer eines mörderischen Regimes: Der tote Peter Fechter wird weggetragen

Es waren damals die Toten der SED-Machthaber. Ihre Enkel und politischen Erben sitzen heute im Deutschen Bundestag. (oys)

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