Am kommenden Sonntag wählt Thüringen. Die Menschen dort haben vor allem eine Sorge:

»Wir wollen uns endlich wieder sicher fühlen«

Endspurt im Thüringer Landtagswahlkampf. Unser Autor Johannes Schüller schildert beklemmende Eindrücke: finstere Blicke, islamische Klänge, penetranter Geruch, schleichende Verwahrlosung in der Landeshauptstadt Erfurt. »Wir wollen uns endlich wieder sicher fühlen«, sagen die Menschen am AfD-Stand.

Aufbruchstimmung im Osten: Bei »Kaiserwetter« ruft die AfD-Thüringen in Erfurt zur »Wende 2.0« auf

Finstere Blicke, penetranter Geruch, schnell vorbeihuschende Menschen und ein allgemeiner Eindruck schleichender Verwahrlosung: Der Weg vom Erfurter Hauptbahnhof zum zentralen Anger ist unbehaglich geworden. Junge Männer mit Migrationshintergrund, oft in großen Gruppen auftretend, bevölkern die Straßen und erweisen sich gelegentlich als recht aggressive Zeitgenossen. Der unmittelbar vor dem Hauptbahnhof gelegene Willy-Brandt-Platz gilt mit seinen umliegenden Straßen offiziell als eine der wenigen »Gefahrenzonen« in Thüringen – die Polizeipräsenz ist schwer übersehbar. Das bleibt ein recht ungewohntes Bild für all jene, die die »Blumenstadt« Erfurt noch aus den 1990er-Jahren kennen. Wo bereits seit dem Mittelalter der Handel mit der zur Gewinnung des prachtvollen Indigoblaus wichtigen Färberwaid-Pflanze die Straßen dominierte, treibt nun der Handel mit Rauschgift gefährliche Blüten.

CDU und Linke werben Seit‘ an Seit

»Wir wollen uns einfach wieder sicher fühlen können«, erklärt mir ein Erfurter am Rande des AfD-Familienfests am vorvergangenen Samstag. An einer Leine führt er einen kleinen, verspielten Hund, der die in rot-blauem Ton gehaltenen Standflaggen und Stehtische neugierig beschnuppert. Unregelmäßig füllen sich hier die Bierbänke vor der noch verwaisten Bühne. Klar und blau bleibt der Erfurter Himmel, durch den wärmende, spätsommerliche Sonnenstrahlen auf den gut besuchten Anger, den zentralen, großen Platz in Erfurt, fallen. Der AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke wird später sogar voller Euphorie von einem »Kaiserwetter« sprechen.

Die Thüringer Landtagswahl am 27. Oktober, der Polit-Insider auch eine wichtige Rolle für die Politik im Bund bescheinigen, prägt zugleich unübersehbar das Straßenbild. Ein veraltetes Plakat wirbt mit dem einprägsamen Kopf von »Toni« Hofreiter für eine bereits vergangene Lesung aus dessen Buch »Fleischfabrik Deutschland«. Darüber hält ein Schweinchen auf einem »Grünen«-Plakat seinen borstigen Rüssel in die Luft. Unweit entfernt werben CDU und Linke auf dem Anger um die Gunst der Wähler. Während sich zwei interessierte Passanten um den orangefarbenen Sonnenschirm der CDU versammeln, platzieren sich die Unterstützer der SED-Nachfolgepartei mithilfe eines knallroten und mutmaßlich CO2-neutralen Lastenfahrrads in unmittelbarer Nähe der Christdemokraten. Eine Wahlhelferin, deren Frisur wohl eine kunstvolle Reminiszenz an Schlepper-Kapitänin Carola Rackete darstellen soll, wirbt für bezahlbares Wohnen.

Kriminalität, Asyl, Strukturschwäche und Renten als Wahlkampfthemen

Mit den im öffentlich-rechtlichen Regionalfernsehen scheinbar dauerpräsenten Spitzenkandidaten der beiden Parteien, Herausforderer Mike Mohring (CDU) und Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) scheint man hier, im Erfurter Zentrum, eher verhalten Wahlkampf zu betreiben. Die Passanten zeigen an diesem Samstag jedoch kaum Interesse. »Ich muss mir erst mal ihr Parteiprogramm anschauen«, hört man einen jungen Mann im Vorbeigehen raunend Resümee ziehen.

Wachsende Kriminalität, zunehmende Strukturschwäche in den ländlichen Regionen, Asylpolitik und sichere Renten, aber auch der inflationäre Bau von Windrädern in der Thüringer Kulturlandschaft – das scheinen die Top-Themen der Thüringer vor der Wahl zu sein. So lässt es sich zumindest aus den Verlautbarungen der im Landtag vertretenen Parteien und den Gesprächen auf der Straße schlussfolgern. Selbst das linksradikale »Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft« und die nicht weniger umstrittene »Amadeu Antonio Stiftung« kommen in einer eigens vor der Thüringen-Wahl erstellten Studie indes nicht umhin, die drückenden Sorgen und Ängste der Bürger relativ offen darzustellen. Viele der dazu befragten Thüringer blicken offenbar mit Sorge auf die Lebensqualität der folgenden Generationen in Thüringen. »Insgesamt antworteten nur 17 % aller Befragten ausgesprochen optimistisch, 30 % gehen von gleichbleibenden Verhältnissen aus, die restlichen 53 % nehmen eine Verschlechterung an«, heißt es dazu im aktuellen »Forschungsbericht« »Thüringen vor der Landtagswahl« der beiden linken Kaderschmieden.

Auch in Erfurt: Ausländerkriminalität explodiert

Auf dem Anger bestätigt sich gleich mehrfach, dass vor allem die Sicherheitslage spätestens seit 2015 auch im Erfurter Zentrum mehr als problematische Züge angenommen hat. Die AfD-Landtagsabgeordnete und Erfurter Direktkandidatin Corinna Herold, die sich als alteingesessene Erfurter Zahnärztin vorstellt, und AfD-Landessprecher Stefan Möller deuten auf der Bühne das zunehmende Unsicherheitsgefühl in abwechselnder Intensität an. Beide ernten dafür deutlichen Applaus.

Endspurt im Thüringer Landtagswahlkampf: Einwanderung und Kriminalität, Renten und drohender wirtschaftlicher Abschwung sind die Hauptsorgen der Bevölkerung

Die offiziellen Zahlen bestärken diesen Eindruck: 2017 kam es allein auf dem Anger laut Polizeistatistik zu 1.353 Anzeigen! Die Anzahl der Körperverletzungen, Sexualdelikte, Beleidigungen und Sachbeschädigungen stieg teilweise erheblich. Die Drogenkriminalität nahm demnach sogar um mehr als 100 Prozent zu. Gemäß einer Haushaltsbefragung von 2018 empfindet rund jeder zweite Erfurter den Anger als unsicheren Ort.

Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik des Freistaats Thüringen lässt indes vieles klarer werden: Vor allem die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen stieg demnach in ganz Thüringen über die vergangenen Jahre teils exorbitant an – unter anderem in den Bereichen Diebstahl und Gewaltkriminalität. Besonders dramatisch: 2014 lag der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger bei schwereren Sex-Straftaten, also Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Übergriff in besonders schwerwiegenden Fällen, in Thüringen noch bei elf Prozent. 2016 waren es dagegen 25 und 2018 sogar 49 Prozent! Dies sei eine direkte Folge der unverhohlenen »Refugees welcome«-Politik der rot-rot-grünen Landesregierung unter Ramelow, heißt es von der AfD.

Mit dem arabischen Gruß »Inschallah« begrüßte Ramelow im September 2015 vorgebliche Flüchtlinge am Saalfelder Bahnhof. Er ergänzte mit dem jovialen Lächeln eines Berufspolitikers: »Ehrlich gesagt, das ist der schönste Tag meines Lebens.« Noch heute erntet er dafür bei einigen Erfurtern, sobald das Gespräch auf das Jahr 2015 kommt, reichlich Kopfschütteln. Doch die offiziellen Umfragen geben Ramelow Mut: Zumindest laut dem aktuellen ›ZDF‹-»Politbarometer« führt seine Partei mit 27 Prozent in der Wählergunst.

Ausverkauf bei der FDP?

Um ihren Einzug in den Landtag muss dagegen die FDP, die im Straßenbild – ebenso wie die nicht weniger marginalisierte SPD – vor allem auf Wahlplakaten auffällt, bangen. Bei der Landtagswahl 2015 scheiterte sie mit 2,5 Prozent krachend an der Fünf-Prozent-Hürde und flog hochkant aus dem Landtag. Nun werden ihr circa fünf Prozent vorausgesagt. Nur wenige Gehminuten vom AfD-Familienfest entfernt, in einem gehobenen Erfurter Hotel, haben die Thüringer Liberalen an diesem Samstagvormittag zum Landesparteitag geladen. Doch das Foyer füllt sich nur tröpfchenweise – nur circa die Hälfte der Delegierten ist gekommen.

Im Vorfeld wurde FDP-Boss Christian Lindner als Stargast angekündigt. Eine neugierige Nachfrage nach dem Auftritt Lindners wird von einer sichtlich enttäuschten, rauchenden jungen Frau, die ein gelbes FDP-Halsband trägt, abschlägig beantwortet. »Der Lindner hat abgesagt«, schimpft sie in den Zigarettenqualm. Auch der stattdessen angekündigte Auftritt von Generalsekretärin Linda Teuteberg scheint die Stimmung nur unmerklich zu heben.

Gute Stimmung auf AfD-Familienfest

Beste Laune herrscht dagegen beim AfD-Familienfest: Zahlreiche Stände, bei denen unter anderem auch die weltberühmte Thüringer Bratwurst angeboten wird, laden die im Einkaufsbummel begriffenen Erfurter zum Verweilen ein. Bevor Moderatorin Petra die Redner charmant begrüßt, sorgt die Band »Easy Tandem« mit Schlagern und Volksliedern für Stimmung. Nicht nur ältere Gäste, sogar ein junger, zuerst eher kritisch gesinnter Migrant fühlt sich so direkt vor dem AfD-Rednerpult zum Tanzen ermuntert.

Nach einer Rede des AfD-Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel und lautstarker Kritik an der Energiepolitik der Bundesregierung sorgt Jürgen Pohl, Thüringer AfD-Bundestagsabgeordneter, bei den Massen für energische Reaktionen. Scharf geht Pohl, der einer DDR-Eisenbahnerfamilie entstammt, mit der etablierten Rentenpolitik ins Gericht: »Nach 29 Jahren Deutscher Einheit ist es höchste Zeit, endlich eine Rentengerechtigkeit herzustellen.« Mit Nachdruck kritisiert er die Benachteiligung ostdeutscher Senioren, prangert die nicht selten drohende Altersarmut an.

Doch auch die Mainstream-Medien bekommen an diesem Nachmittag ihr Fett ab. »Man fühlt sich immer mehr an die ›Aktuelle Kamera‹ erinnert«, kritisiert ein Redner das öffentlich-rechtliche Fernsehen. »Die ›Aktuelle Kamera‹ musste ich selbst noch im Knast schauen«, gesteht mir daraufhin ein an seinem Bier nippender Zuschauer. »Das brauche ich sicher nicht wieder«, ergänzt er, beinahe schmunzelnd. Für Spott sorgen ebenso anzutreffende Plakate der Erfurter »Fridays For Future«-Filiale. »Das kann man doch alles nicht mehr ernst nehmen«, meint ein Erfurter, der das Geschehen vom Straßenrand aus verfolgt und zugleich energisch auf das vor dem Klimawandel warnende Plakat zeigt.

Islamische Klänge auf dem Anger

Grotesk: Während immer mehr Besucher auf das AfD-Familienfest drängen, hört man auf dem Anger zugleich Klänge, die wohl nicht zufällig an islamische Gebetsrufe erinnern sollen.

Wo am Vormittag noch CDU und Linke ihre Stände hüteten, werben nun die radikalen Muslime der örtlichen »Ahmadiyya Muslim Jamaat«-Gemeinde um die Augen und Ohren der Erfurter. Ohne großes Aufsehen wurde ihnen der Platz zur Verfügung gestellt. Passanten erhalten im Erfurter Stadtzentrum nun eine Broschüre mit dem Titel »Der islamische Jihad – Das wahre Konzept« aus der Feder eines »spirituellen Kalifs« sowie das Büchlein »Islam Fakten & Argumente – Eine Antwort auf die Vorwürfe der AfD«. Lautstark wettert ein Mann vor dem Stand der Ahmadiyya-Gemeinde gegen Höcke.

»Wir werden als Erstes eine Abschiebeinitiative durchführen«: AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke reißt das Publikum zu Beifallsstürmen hin

Wie hätte der Erfurter Augustinermönch Martin Luther wohl auf diesen Stand reagiert, wenn er ihn auf dem Weg zum nahen Kloster passiert hätte? Hätte er vielleicht an der in der Predigerkirche Erfurt angekündigten Veranstaltung »Im Spiegel des einen – christliche trifft islamische Mystik« Gefallen gefunden? An diesem Samstag blickt Luthers bronzenes Ebenbild vor der Kaufmannskirche auf das AfD-Familienfest, wo inzwischen Spitzenkandidat Björn Höcke spricht.

Klatschkonzert für Höcke

»Wir werden als Erstes eine Abschiebeinitiative durchführen«, erklärt Höcke dem begeisterten Publikum den Maßnahmenkatalog einer AfD-Landesregierung. Rund 200 Personen nehmen inzwischen an der Veranstaltung teil. Einer jungen Dame aus den Reihen der Gegendemonstration lassen Höckes Worte hingegen sichtbar die hysterischen Gesichtszüge entgleisen. »Hau ab!«, kreischen weitere aufgebrachte Jugendliche Höcke entgegen, im Halbrund wollen sie das AfD-Familienfest umstellen. Doch das Publikum des Thüringer AfD-Spitzenkandidaten und Landessprechers will das nicht auf sich sitzen lassen. »Höcke, Höcke, Höcke«, branden die Rufe der begeisterten Erfurter gegen das Rednerpult und erheben sich zu einem beachtlichen Crescendo, das die »Lügenhöcke«-Rufe rasch übertönt.

Ein beachtliches Bild – auch Höcke muss unübersehbar über dieses akustische Scharmützel freudig schmunzeln. Ohne Zweifel: Auch heute polarisiert der in Hessen beamtete Gymnasiallehrer. Seine scharfzüngige Kritik gilt diesmal weniger den Grünen und Linken, sondern der CDU. »Bei der Multikulturalisierung ist die CDU doch die schlimmste Partei von allen«, attackiert Höcke die verhängnisvolle Asylpolitik unter der Masseneinwanderungskanzlerin Angela Merkel. Es handele sich bei den Christdemokraten um »Pseudo-Patrioten«, die nun in Thüringen die Windkraft-Politik kritisieren, selbst aber einst diese selbst forcierten.

In einem langen Rundumschlag stellt Höcke den Altparteien – über Einwanderung, Bildung bis hin zur Klimapolitik – eine vernichtende Bilanz aus. Mit seiner Kritik am muffigen Meinungsklima in Deutschland erntet er beim Publikum, das neben sehr vielen Angehörigen der DDR-Erlebnisgeneration auch einige Jugendliche aufzuweisen hat, besondere Begeisterung. Höcke unterstreicht: »Die AfD ist angetreten, um der Meinungsfreiheit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen.« Deutlicher Applaus – der Erfurter Anger erweist sich so zumindest in diesen Minuten als recht sicheres AfD-Terrain. In beinahe verzweifelter Leidenschaft stolpert eine ältere Dame dem sich vor dem Publikum verneigenden Höcke entgegen, reicht ihm ein mutmaßliches Autogrammheft entgegen. Ordner versuchen, die Frau zur Vernunft zu bringen, und bitten sie um etwas Geduld. Doch Höcke nimmt sich sofort Zeit, unterschreibt und eröffnet somit den Ansturm der Erfurter in Richtung Bühne.

Tatsächlich gestaltet sich insbesondere der Wahlkampf der Thüringer AfD, die in Umfragen derzeit zwischen 20 und 24 Prozent pendelt, keineswegs derart prosaisch. Viele Plakate würden zerstört werden, insbesondere in Erfurt sei es schwierig, berichtet mir ein ernüchterter Wahlkampfhelfer. Frustriert will er sich jedoch nicht geben. Schon jetzt freut er sich auf das Ergebnis der Landtagswahl: »Mal sehen, was passiert, wenn die AfD so stark ist, dass die anderen ohne uns nicht mehr können.«

Johannes Schüller

Johannes Schüller

ist Journalist und Publizist. Er baute zuletzt als Online-Chefredakteur die Netzausgabe der österreichischen Zeitung ›Wochenblick‹ auf. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich lebt er nun wieder in seiner sächsischen Heimat.

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