»Apocalypse Now!« – Die Klimareligion

Ein Kommentar von Matthias Matussek

Matthias Matussek

Nun also Endzeit, noch 12 Jahre bis zum Weltuntergang. Glaubt man den Prophezeiungen eines Teenagers mit Essstörungen. Glauben Wissenschaftler, gestützt auf höchst fragwürdige Hochrechnungen, glauben Politiker, die ihre Gesellschaften umrüsten, glauben Wähler, die den Untergangspropheten in Scharen hinterherlaufen, predigen Priester in ihren Kirchen.

Eine Menge Glauben flottiert da durch den öffentlichen Raum.

Die kindhaft-bezopfte Prophetin, die mittlerweile 16-jährige Greta Thunberg, wird allen Ernstes mit Jesus verglichen, sie gilt als moderne Heilige, als unantastbare Seherin, die Kinderscharen dazu aufruft, zum Wohle des Planeten die Schule zu schwänzen – und diese werden von unserer Kanzlerin und andren Politikern, von ihren Eltern und Lehrern angefeuert, genau das zu tun.

Tatsächlich gelten Zweifel – von denen die Wissenschaft lebt – mittlerweile als »Klimaleugnung« und werden entsprechend verfemt. Dieses neue Glaubenssystem wird von Panik befeuert. Tatsächlich wünschte sich die unter dem Aspergersyndrom leidende Greta Thunberg, dass die ganze Menschheit »die gleiche Panik empfindet«, die sie spürte, als ihr offenbar eine innere Stimme sagte, dass unser Planet bei weiter ansteigendem Ausstoß von CO2 dem Untergang geweiht ist. Derzeit wird das Mädchen, das »Panik verbreiten« will, für den – ausgerechnet – Friedensnobelpreis gehandelt.

Klimaschwankungen, das ist bekannt, gab es die gesamte Erdgeschichte hindurch. Tropische Temperaturanstiege im Mittelalter, Eiszeit in der beginnenden Neuzeit. All das ohne menschlichen Einfluss, was offenbar mittlerweile als narzisstische Kränkung begriffen wird: Dass die Schöpfung tut, was ihr Schöpfer will und nicht dessen Geschöpfe. Milliarden werden investiert, um diesen Fehler zu korrigieren.

Tatsächlich hat dieses Set an Überzeugungen und Überhöhungen den Charakter einer neuen Religion angenommen, an deren Kanonisierung eifrig gearbeitet wird. Kritische Stimmen werden ausgeblendet. Vor zehn Jahren noch ließen öffentlich-rechtliche Magazinsendungen solche wie die des ehemaligen Greenpeace-Aktivisten Fromberg zu Wort kommen. Das hat sich radikal geändert. Die verordnete Verblendung geht nun ganz im Gegenteil in die Offensive.

Mit 1.500 Mitarbeitern ließ das Umweltbundesamt, eine durch und durch politisierte Behörde, die, so Kolumnist Jan Fleischhauer, mit »Scheingenauigkeiten« erschrecken will (wie es die Manichäer in der frühen Christenheit taten), soeben ein Papier ausarbeiten, das sich »Impact-Journalismus und zielgenaues Storytelling für gesellschaftlichen Wandel« nennt. Es ist nichts anderes als ein Kanonisierungsversuch der neuen Klima-Kirche.

Es will angesichts der »Dringlichkeit von Klimawandel, Überschreitung planetarischer Leitplanken und eines überdimensionierten ökologischen Fußabdrucks … besondere Formen des Journalismus« ausarbeiten, »um Handlungen und Bewegungen auszulösen bzw. zu befördern«.

Nach dem »Buch Greta« also soll ein neuer Katechismus ausgearbeitet werden, ausgerechnet von der sogenannten vierten Gewalt, deren Pflicht die Kontrolle der Regierung wäre, die aber stattdessen ihre argumentative Energie nahezu vollständig in die Bekämpfung der hergebrachten christlichen Religion und ihrer Kirche investiert und der Bevölkerung stattdessen ihre Endzeit-Ersatzreligion untergejubelt hat. »Apocalypse Now!«

Der Teufel flüstert einem Prediger falsche Lehren ein: Buchillustration zu Dantes »Göttlicher Komödie«

Viel wird von »Menschlichkeit« und »Brüderlichkeit« gesprochen, doch das versteckte Ziel dieser Unternehmung ist eine Art Machtergreifung Eingeweihter oder »Initiierter«, die planetarisch denkt und sich selbst als Führungselite in einer »One World«-Vision versteht. Kanzlerin Merkel vor der UNO: Der Klimawandel gibt uns Gelegenheit, »global governance« durchzusetzen, also eine Weltregierung. Es gibt einfach kein stärkeres Argument als das, die Menschheit zu retten – daneben können frühere totalitäre Masterpläne wie der Kommunismus, der mit seiner »Internationalen« lediglich die ökonomische Ausbeutung beenden wollte, nur erblassen.

Sicher haben wir es auch mit menschengemachten Umweltsünden zu tun wie der Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll, die dringend beseitigt werden sollten – aber das Wetter macht nun einmal nicht der Mensch, sondern der Weltenschöpfer. Der Sündenfall, das dürfte bekannt sein, bestand in dem Vorhaben des Menschen, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen und zu werden wie Gott.

Wenden wir uns dem Original der Endzeitahnungen zu, der »Apokalypse« des Johannes, gemeinhin Offenbarung genannt, so werden wir feststellen, dass die Klimaretter genau jene »falschen Propheten« verkörpern, die in der Apokalypse tatsächlich als Vorboten der Entscheidungsschlacht zwischen Gerechten und Ungerechten markiert sind.

»Und ich sah aus dem Munde des Drachen und aus dem Munde des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister gehen, gleich Fröschen; diese sind Teufelsgeister, die tun Zeichen und gehen aus zu den Königen der Welt, sie zu versammeln zum Streit auf jenen großen Tag Gottes, des Allmächtigen.«

Nun, die Könige der Welt sind bereits in der UNO versammelt oder in der EU und eingeschworen auf das gemeinsame Klimaziel, und sie sind bereit, zu durchaus totalitären Maßnahmen zu greifen, zu denen die Kontrolle der Meinungen gehört.

Aldous Huxley sah dreißig Jahre nach dem Erscheinen seiner Dystopie »Schöne neue Welt« eine neue Diktatur voraus, ohne die Gewalt eines Stalin oder Hitler, sondern durch ein »Korps hochausgebildeter Sozialingenieure«, wobei die Medien ständig von »Toleranz und Meinungsfreiheit« reden würden, aber die »eigentliche Substanz wäre eine neue Art von nicht-gewaltsamem Totalitarismus«.

Huxley hat mit LSD experimentiert und sich mit Mystik beschäftigt. Für ihn wäre die Offenbarung nach Johannes, die ein Text wie ein LSD-Trip ist, eine wundersame multidimensionale, poetisch herausfordernde Reise durch Zeiten und Welten, mit Himmelsmusik und Höllenstürzen, eine klar verständliche Warnung.

Doch auch für uns, für gläubige Katholiken zumal, ist die Botschaft klar umrissen: Vor dem Endkampf wird eine Zeit beschrieben, in der die Menschen den Glauben an Christus verlieren und stattdessen »das Tier« anbeten.

Schauen wir uns um und mustern unsere gottabgewandte Spätzeit, in der, nach dem genialen Diagnostiker Nietzsche, der »letzte Mensch« nur noch stammeln kann.

In seinem »Zarathustra« heißt es: »›Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?‹ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.«

Selbst die Kirchen sprechen nur noch von Klima und Migration: Greta Thunberg beim Papst

Unsere Kirchen sind leer, und von den Kanzeln wird kaum noch vom christlichen Glauben gesprochen, dafür sehr viel von Klima und Migration. Gott ist tot in diesen Kirchen. Ja, besonders die Kirchen scheinen sich vom Evangelium abgewendet und sich stattdessen bepackt zu haben mit zeitgeistigen und mehr als fadenscheinigen Blasphemien, etwa, wenn die kleine Greta mit Jesus verglichen wird, wie es der Berliner Erzbischof Heiner Koch tat.

Der kanadische Autor und Katholik Michael D. O’Brien hatte diese Spätzeit bereits 1996 in seinem packenden Roman »Father Elijah«, einem in viele Sprachen übersetzten Weltbestseller, ausgebreitet. Der Plot: Ein Karmeliter-Bruder, Überlebender des Warschauer Ghettos, wird vom Papst mit der Geheimmission beauftragt, den »Präsidenten«, einen charismatischen Unternehmer und Netzwerker, an der Verwirklichung seines Ziels zu hindern, mit seiner Rhetorik eines grün angehauchten »universellen Humanismus« eine Weltregierung und sich selber als deren Führer zu installieren.

Gibt es hier nicht Parallelen zur Politik einer »One World«-Verfassung?

Gleichzeitig fördert dieser »Präsident« Bestrebungen, die Kirche und ihre Lehren in Richtung eines »aufgeklärten« Glaubens zu manövrieren, in Richtung einer Vernunftreligion, in Richtung der »Brüderlichkeit« der Freimaurer und erklärten Kirchengegner, in Richtung einer Theologie der Anpassung an zeitgeistige Parolen wie die Auflösung der Geschlechter und vieler weiterer naturrechtlicher, katholischer Doktrinen.

Fühlt sich hier vielleicht das progressive deutsche Episkopat angesprochen?

Dem Präsidenten soll von Bruder Elijah in einem seelsorgerischen Gespräch ins Gewissen geredet werden. Unerklärliche Todesfälle, die sich später als Morde herausstellen, zeigen, dass der »Präsident« ohne alle Skrupel vorgeht.

In seinem Gespräch mit dem Präsidenten erlebt Bruder Elijah diesen als »demütig«, ja geradezu spirituell. »Vielleicht habe ich gespürt«, räumt er seinem skeptischen Freund Billy gegenüber ein, »dass ich es mit einem Meister der Manipulation zu tun hatte, einer, bei dem du dich wohlfühlst und jeden Verdacht verlierst, dass du gelenkt wirst. Er gibt dir das Gefühl von Verständnis, Ebenbürtigkeit, ja von Vertrautheit.«

»Und das war der Meister der Welt?« Elijah nickte: »Es war eine Überraschung. Ich hätte wissen sollen, dass es so sein würde. Die Apokalypse ist kein Melodrama. Die eigene Zeit erscheint einem wie die Idee der Wirklichkeit, wie groß die Bedrängnis auch sein mag.«

Und dann kommt die überraschende Einsicht: »Die reale Apokalypse erscheint als Normalität, weil wir mittendrin sind.«

Tatsächlich ist die Endzeit ja, nach katholischem Verständnis, bereits mit der Inkarnation Christi angebrochen, mit der Ankunft des Gottessohnes auf Erden und in der Geschichte der Menschheit – die nun auf die Parusie, die Wiederkehr des Erlösers wartet.

Doch vorher hat sie durch schwere Prüfungen zu gehen. Eine davon ist das nahezu vollständige Verblassen des Glaubens in unseren Breiten, und die schrecklichste Christenverfolgung weltweit: Jedes Jahr sterben, meist durch islamische Mörder, 100.000 Christen! Doch die katholische Weltkirche spricht ungern darüber. Eher geraten christliche »Fanatiker« ins Fadenkreuz progressiver Theologen.

Zunehmend werden, so der Roman, dessen Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit nicht zufällig sind, innerhalb der Kirche Stimmen laut, die vor einem theologischen Imperialismus warnen, ja, es sind Bischöfe und Kardinäle, die andere Weltreligionen wie den Islam für ebenso gültig halten wie die katholische. Wer mag, kann hier rhetorische Figuren entdecken, wie sie in den Interviews der christlichen Amtskirchenführer Marx oder Bedford-Strohm aufscheinen.

Nun hat Michael D. O’Brien ein schmales Büchlein veröffentlicht, in dem er über die »Apokalypse« (so der Titel, erschienen im Fe-Medienverlag) meditiert. Etwa über den Glaubensverlust. Für ihn ist es kein Zufall, dass Papst Paul VI. 1977, erschrocken über die Folgen des von ihm geleiteten II. Vatikanums samt dessen radikaler Verweltlichung der Kirche, ein Bild aus der Apokalypse bemühte. »Der Schwanz des Teufels ist im Begriff die katholische Welt in Auflösung zu bringen. Die Finsternis des Satans ist in die katholische Kirche eingedrungen und breitet sich aus bis in die Spitze. Die Apostasie, der Glaubensabfall, hat die ganze Welt ergriffen, sogar die höchsten Ebenen der Kirche.«

Tatsächlich ist in der Offenbarung »der Drache groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde hinab«.

Bereits ein Jahr vor Papst Paul VI. ahnte der damalige Kardinal Woityla, der später als Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen werden sollte: »Wir befinden uns in der größten historischen Konfrontation, welche die Menschheit je erlebt hat […] Wir stehen der endgültigen Konfrontation zwischen Kirche und Anti-Kirche, dem Evangelium und dem Anti-Evangelium gegenüber. Diese Konfrontation liegt in den Plänen der göttlichen Vorsehung. Es ist eine Prüfung, der sich die gesamte Kirche unterziehen muss.«

Und es ist diejenige Generation, so O’Brien, die diesem geistigen Kampf die geringste Aufmerksamkeit schenkt, die satt und zufrieden ist, eine Generation, die sich für gottähnlich hält und die Lösung aller Menschheitsprobleme in den Händen zu halten glaubt, in der sich der Geist des Antichristen vollständig manifestieren wird. Und er fragt bang: »Sind wir diese Generation?«

Trost der Gläubigen: Die apokalyptischen Reiter haben nicht das letzte Wort

Gute Frage. Zumindest haben wir uns verfangen in diesem Paradox: Je mehr wir versuchen, die säkulare Apokalypse zu vermeiden, desto näher rückt die religiöse.

Gegen die säkulare Apokalypse durch ein paar ungenaue Klimakurven spricht, dass es ein scheinheiliges politisches Geschäft ist, das auf Lügen und Manipulationen durch Staat und Medien baut.

Für die religiöse spricht der Glaube, der selten geworden ist, aber immerhin einen großen Trost bereithält: Nach allen Plagen, nach Tod und Verderben durch die apokalyptischen Reiter und dem End-Sieg über die Heere Satans folgt ein 1000jähriges Reich des Friedens und der Glückseligkeit.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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