Darf ich als Christ AfD wählen?

Der katholische Publizist Matthias Matussek schreibt über ein häufig diskutiertes Thema

 

Matthias Matussek

Im Juli 2018 hielt Kardinal Marx in einem ›Zeit‹-Interview seiner katholischen Herde eine Gardinenpredigt. Er mahnte, dass man nicht gleichzeitig AfD-Wähler und katholisch sein könne und schon die Deutsche Bischofskonferenz hatte sich ein Jahr früher, vor der Bundestagswahl, ähnlich geäußert.

Dass die deutschen Kirchenfürsten ihren Schäfchen derart anmaßend ins Gewissen reden, mag verwundern angesichts der Tatsache, dass ihnen Papst Franziskus höchstselbst, anlässlich eines Ad-limina-Besuchs 2015 in Rom, den erbärmlichen Zustand der deutschen Kirche mit Worten um die Ohren haute wie mit einem nassen Lappen: Totalversagen bei der Neuevangelisation, fast vollständiger Verlust des Glaubenswissens bei den meisten noch verbliebenen Kirchenmitgliedern, fast vollständiger Verlust der Beichte, Verlust des Glaubens­bezuges bei fast allen katholischen Institutionen, Totalversagen beim Lebensschutz.

Die kirchensteuerreiche katholische Kirche in Deutschland liegt am Boden. Und diesmal stinkt der Fisch vom Kopf her.

Es ist eine Kirche, die sich längst nicht mehr um den Glauben kümmert, sondern sich als Alliierte einer linksgrünen Politik versteht; eine Kirche, welcher der Glauben herzlich egal ist und die ganz auf die Erziehung zum »Neuen Menschen« vertraut.

Sie versucht auf den Zug eines Zeitgeistes aufzuspringen, der in seiner anmaßenden Raserei hin zu einer Weltregierung alle Traditionsbestände eines christlichen Europas abwirft wie unnützen Ballast, ja, der die Wurzeln herausreißt – und ohne die, so wiederum Papst Franziskus, »kann man nicht leben: Ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk.«

Von allen Parteien, die im Bundestag vertreten sind, ist die AfD die ein­zige, die den Erhalt dieser Wurzeln beschwört. Ja, sie beschwört die Nation in einer »veloziferisch« (eine Wortschöpfung Goethes, welche in etwa »teuflisch erleuchtete Beschleunigung« bedeutet) beschleunigten Globalisierung.

Hier eine diesbezügliche Zusammenfassung aus dem Programm der AfD durch die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: »Die AfD folgt einem konservativ und national geprägten Familienbild: Der ›Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung‹ muss laut AfD mit einer ›nationalen Bevölkerungspolitik‹ entgegengewirkt werden. Der Erhalt des eigenen Staatsvolks ist für die AfD vorrangige Aufgabe der Politik und jeder Regierung. Sie möchte die Gesellschaft familien- und kinderfreundlicher gestalten. Familien sollen weniger Abgaben zahlen und durch verschiedene Maßnahmen finanziell unterstützt werden.«

In den Augen der linksgrünen katholischen Amtskirche macht sie das zu »Nationalisten« und präpariert sie für einen Kampfbegriff in der politischen Arena, der sie jederzeit billig und von allen Gegnern bereits aus jeder Debatte ausschließt.

AfD und katholisch schließen sich aus? Merkwürdig: Die AfD ist die einzige Partei, die das katholische und grundgesetzlich geschützte Familienbild in Ehren hält, statt es der »Ehe
für alle« unter dem bunten Kon­fettiregen der Moderne im Bundestag
zu opfern.

Für gläubige Katholiken sind Familie und Nation, die manche auch »Vaterland« nennen, eng verwoben. In seinem Rundschreiben »Dilecti amici« zum »Internationalen Jahr der Jugend« 1985 philosophierte der heilige Johannes Paul II. über den Zusammenhang der beiden schon im 4. Gebot, das den Gehorsam den Eltern gegenüber vorschreibt: »Wenn die Familie die erste Erzieherin eines jeden von euch ist, so ist gleichzeitig – durch die Familie – der Stamm euer Erzieher wie auch das Volk oder die Nation, mit der wir durch die Einheit der Kultur, der Sprache und der Geschichte verbunden sind.«

In den Augen der deutschen Bischöfe kann man diese Worte ganz sicher als »nationalistisch« bezeichnen. Und ebenso sicher müsste der deutsche Katholikentag dem heiligen polnischen Papst die Teilnahme verweigern.

Mit anderen Worten:

Wer das Programm der AfD wirklich liest, wird erkennen, dass sich in dieser Partei auch christliche, besonders auch katholische Widerständler gegen den Zeitgeist sammeln können.

Selbstverständlich kann man Mitglied der AfD und katholisch sein! Es liegt sogar auf der Hand! Man kann es viel eher, als wenn man Mitglied der übrigen Parteien ist. Die AfD ist ihrem Programm nach sehr viel dichter an den katholischen Wurzeln der CDU aus jenen Jahren, als diese noch Volkspartei und die katholische Kirche noch Volkskirche war.

Sicher, es waren die vorkonziliaren Jahre, als der Messbesuch noch eine Selbstverständlichkeit war. Als man Golgota noch nicht mit einer Zahn­pasta verwechselte. Als Abtreibung eine Todsünde war und daher verboten. Heute dagegen gilt der mittlerweile zur Splitterpartei verkommenen SPD das Verbot der Werbung für Abtreibung als unzumutbar. Wenn die geschätzten zehn Millionen abgetriebener Kinder seit den 60er-Jahren durch die Beachtung des christlichen Tötungsverbotes gerettet worden wären, hätten wir heute zehn Millionen wunderbare Mitbürger mehr und neben allem anderen ganz sicher keine demografische Katastrophe.

Die AfD stellt sich als einzige Partei dezidiert gegen Abtreibung.

Dazu eine Programmzusammenfassung: »Die Partei spricht sich gegen Abtreibung aus, insbesondere soll der ›lebensrettende Ausweg der Adoption erleichtert und gefördert‹ werden. Die Partei lehnt eine Ausweitung des Begriffs Familie über die ›klassische Familie‹ aus Mann, Frau und Kind ab. Außerdem sollen ›naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern‹ nicht durch die ›Gender-Ideologie‹ thematisiert werden. Diese Ideologie sei verfassungsfeindlich.«

Die AfD bekennt sich – ebenso wie Papst Franziskus und seine Vorgänger – un­miss­ver­ständlich zum Lebensrecht: AfD-Bundesvorstandsmitglied Beatrix von Storch (2.v.re.)
in der ersten Reihe einer Demo für das Lebensrecht von Ungeborenen

Nun überbieten sich die Parteien, die derzeit durch die Lande tingeln, mit Geringschätzigkeiten gegenüber der AfD. Trotz des Wissens um die Tatsache, dass diese Partei vielen vom Linksschwenk der CDU enttäuschten Mitgliedern zur neuen Heimat geworden ist. Aber es scheint, dass sie den Schuss nicht gehört haben.

Allen voran der eher karrieristische als katholische, gleichwohl bei der Wahl zum CDU-Vorsitzenden gescheiterte Friedrich Merz, der die AfD vor Kurzem als »nationalsozialistisch« beschimpft hatte. Eine Entgleisung, die sogar die linksliberale ›Zeit‹ als »Ungeheuerlichkeit« bezeichnete.

Dabei haben wir es nicht nur mit sittlichen »Ungeheuerlichkeiten« zu tun, sondern ungeheuerlichen Dummheiten. Kaum ein zur AfD abgewanderter Christlich-Konservativer wird es mögen, von Merz als Nazi beschimpft zu werden – dabei ist es doch jene Gruppe, die umworben werden soll. Merz, der vorhat, der CDU verlorene Wähler zurückzuholen, wird genau diese weiter verprellen. Merz hat vor, »die AfD zu halbieren«. Irrtum: Die AfD wird unter diesen Angriffen zulegen, und die CDU wird auf ihrem linken Irrweg weiter in den Abgrund stolpern.

Was indes den Weg der deutschen Amtskirche angeht – sie hat spätestens mit ihrem neuen Missbrauchsskandal jede moralische Autorität verspielt. Wer nimmt darüber hinaus schon Kirchenführer ernst, die ihr Kreuz auf dem Tempelberg verstecken, um die islamischen Gastgeber nicht zu kränken – während hundert Kilometer weiter Christen durch eben jenen Islam gemordet werden, weil sie sich zum Kreuz bekennen?

Wer nimmt noch eine agitatorische Kirche ernst, die es erlaubt, dass Priester zum Zeichen des Protestes gegen eine AfD-Politikerin das Opfer unter einem Kopftuch zelebrieren?

Die Amtskirche in Deutschland, deren Vorsitzender Kardinal Marx soeben den Flüchtlingsschleppern des Boots »Lifeline« 50.000 Euro aus Kirchensteuermitteln gespendet hat, ist zum linken Narrenverein verkommen.

Sein Elferrat, das sogenannte »Zentralkomitee deutscher Katholiken« (»ZdK«), mag die Katholiken in der AfD auf ihren Kirchentagen ausgrenzen; sie von ihrem Glauben zu trennen und aus der Una Sancta zu entfernen, das wird auch er nicht schaffen.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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