Weihnachten 2018: Rentner sparen sich Geschenke für die Enkelkinder vom Munde ab

Von Altersarmut war der Maler Carl Spitzweg (1808–1885) weit entfernt. Seine Mutter Franziska (geb. Schmutzer) gehörte als Tochter eines reichen Früchtegroßhändlers dem Münchner Großbürgertum an. Das Familienanwesen in der Neuhauser Gasse 14 war ein stattlicher Besitz. Das Erbe bescherte dem Künstler finanzielle Unabhängigkeit. Mit seinem 1839 entstandenen Bild »Der arme Poet« malte sich Spitzweg, der ein gelernter Apotheker war, in die Herzen der Menschen. Das Bild wurde zum Symbol für Armut schlechthin.

Viele, vor allem ältere einsame Menschen werden heuer an Heiligabend ebenfalls früh zu Bett gehen – so wie der »arme Poet«. Ihre Armut ist nicht sichtbar, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Man muss genauer hinschauen, so wie bei der gepflegten Dame mit der grauen Kurzhaarfrisur, die dieser Tage in der Adventszeit abseits eines Kirchenportals stand. Die Frau, vielleicht Anfang 70, trug eine beige Jacke und eine braune Handtasche. In ihrer Hand hielt sie einen Coffee-to-go-Becher. In dem Becher dampfte kein heißer Kaffee – es lagen ein paar Münzen darin. Die ältere Dame bettelte – still und verschämt.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Dachverbandes »Tafel Deutschland e.V.« sagt: Viele ältere Menschen, die in der Weihnachtszeit zu den Tafeln kommen und Lebensmittel erhalten, würden sich so »finanzielle Spielräume« verschaffen. Sie sparen sich die Geschenke für die Enkelkinder regelrecht vom Munde ab.

Es wächst die Zahl derer, die ihre Rente mit der sogenannten Grundsicherung aufstocken müssen. Zum Jahresende 2006 bezogen laut Statistischem Bundesamt rund 371.000 Menschen in Deutschland Grundsicherung im Alter. Im Juni 2016 waren es bereits 532.000 – stark steigend. Fast zwei Drittel sind Frauen. Es sind Menschen, die ihre Wohnungen nicht mehr heizen, um Kosten zu sparen. Oder den Fernseher nicht mehr einschalten, weil er zu viel Strom frisst.

Altersarmut bedeutet materielle Armut, die mit gesellschaftlicher Ausgrenzung einhergeht. Aus Scham, häufig auch aus Unkenntnis, nehmen viele ältere Menschen Beratungsangebote nicht in Anspruch und verzichten auf die ihnen zustehenden Sozialleistungen. Diese verdeckte Armut kann zu besonders prekären Lebenssituationen führen, die nach außen so lange wie möglich geheim gehalten werden. Rund 1,5 Millionen alte Menschen hätten das Anrecht, ihre Rente vom Staat aufstocken zu lassen.

Oft hindert sie daran auch die Angst, das Ersparte für die Enkel zu verlieren; oder das Geld, das man für die eigene Beerdigung zur Seite gelegt hat, um niemandem zur Last zu fallen. Ja, es gibt ein »Schonvermögen«, das auf die Stütze nicht angerechnet wird – es beträgt bei Alleinstehenden gerade einmal 2.600 Euro.


Ein Leben lang gearbeitet, vom Staat im Stich gelassen: Rentner-Alltag in Deutschland

Im Würgegriff der Altersarmut

Mit zittrigen Händen durchwühlt der alte Mann die Abfalltonne am Bahnsteig, findet eine Schnellrestaurant-Papiertüte und verschlingt gierig die achtlos weggeworfenen kalten Fritten darin: Advent auf dem Hauptbahnhof einer Großstadt in Deutschland, einem der »reichsten« Länder der Welt, wie die Mächtigen nicht müde werden uns zu versichern.

Martinsgans oder Weihnachtsfestbraten sind für hunderttausende Rentner ein unerfüllbarer Wunschtraum. An Weihnachtsgeschenke für die Enkel ist erst recht nicht zu denken, wenn man nach Abzug der laufenden Kosten weniger als hundert Euro im Monat zum Leben hat. Ein Lebensabend in materieller Not und Entbehrung – für viel zu viele Deutsche ist dieses Schreckgespenst heute schon bittere Realität. Die Altersarmut hat Deutschland fest im Griff.

18,3 Prozent der Einwohner über 65 Jahren, fast jeder Fünfte, war 2016 nach EU-einheitlich erhobenen Zahlen gemäß den Kriterien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht, weil ihr Haushalt über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Rund drei Prozent leben in erheblicher materieller Armut, das heißt, sie können ihre laufenden Kosten wie Miete, Versicherung, Heizung oder notwendige Anschaffungen nicht aus eigenen Mitteln bestreiten.

Verrat an den Schwächsten
Beschwichtigungspolitiker verweisen gerne darauf, dass diese Werte noch unter dem EU-Durchschnitt liegen und dass auch in Deutschland eine Reihe von Bevölkerungsgruppen stärker von Armut bedroht seien als die Senioren. Für ein Land, dessen Polit-Eliten sich gerne damit brüsten, dass es eines der »reichsten« Länder der Welt sei, ist diese Bilanz dennoch beschämend.

Anders als etwa Migranten, Alleinerziehende oder Jugendliche ohne Schul- und Berufsabschluss haben es ältere Menschen nämlich in der Regel auch nicht mehr in der Hand, aus eigener Anstrengung noch etwas an ihrer prekären Situation zu ändern. Ein hochgezüchteter Sozialstaat, der Rekordsummen einnimmt und verteilt und trotzdem zulässt, dass alte Menschen in die Armut abrutschen, lässt damit gerade die schwächsten und wehrlosesten Mitglieder der Solidargemeinschaft im Stich.

Armenspeisung: Karitative Einrichtungen bieten verarmten Rentnern oft die einzige Möglichkeit, sich an Weihnachten einmal satt zu essen

Armut vor unserer Haustür
Wer wachen Auges durch die Straßen einer deutschen Großstadt läuft, dem können die allgegenwärtigen Symptome der grassierenden Altersarmut kaum entgehen. Ärmlich gekleidete Rentner, die Mülltonnen und Papierkörbe nach Essbarem und Pfandflaschen durchsuchen, trifft man in jeder Stadt – und es sind so gut wie nie Migranten oder außereuropäische Zuwanderer, die auf diese verzweifelte Weise ihre dringendsten Bedürfnisse zu stillen versuchen. In dem »Land, in dem wir gut und gerne leben«, gibt es alte Leute, die mit Mantel und Pullover in der kalten Wohnung sitzen, weil sie die Heizung nicht bezahlen können; die im Dunkeln sitzen, im Winter den Kühlschrank ausschalten und Lebensmittel auf der Fensterbank lagern, um Strom zu sparen.

Sogenannte »Tafeln«, in denen ehrenamtliche Helfer abgelaufene und von Einzelhandelsunternehmen gespendete Lebensmittel für einen symbolischen Obolus an Bedürftige verteilen, finden sich inzwischen in jeder größeren Stadt. Die Zahl der Tafelläden hat sich in den letzten Jahren vervielfacht.

Und nicht nur in Essen oder Nürnberg, wo Tafel-Betreiber zuletzt Alarm geschlagen haben, werden Rentner mit schmalem Geldbeutel selbst hier noch von rücksichtslosen Migranten und kräftigen jungen Asylzuwanderern verdrängt und beiseitegeschoben, die das vom Sozialstaat großzügig ausbezahlte Essensgeld lieber anderweitig ausgeben oder in die Heimat überweisen.

Gestiegen ist auch die Zahl der Männer und Frauen, die selbst im fortgeschrittenen Alter noch einen oder mehrere Nebenjobs aufnehmen, putzen gehen oder bei Wind und Wetter Zeitungen und Reklameprospekte austragen. Die wenigsten tun das, weil ihnen im Ruhestand die Decke auf den Kopf fällt. Die meisten brauchen das Zusatzeinkommen, um mit ihrer mageren Rente doch irgendwie über die Runden zu kommen.

Für viele alte Menschen sind die »Tafeln« eine willkommene Erleichterung in ihrem kargen und
beschwerlichen Alltag

Der Armuts-Tsunami kommt
Dass ein Großteil der heutigen Rentner noch vergleichsweise gut gestellt ist, kann kein Anlass sein, sich zurückzulehnen. Der Würgegriff der Altersarmut wird fester. Die Zahl der alten Menschen, die auf staatliche Fürsorge angewiesen sind und zusätzlich zu ihrer zu niedrigen Rente die sogenannte gesetzliche Grundsicherung erhalten, ist von Anfang 2015 bis Anfang 2018 von 512.000 auf 556.000 gestiegen – ein Zuwachs von fast neun Prozent in nur drei Jahren.

Der Hinweis, dass der Anstieg auch mit der Alterung der Bevölkerung und der steigenden Lebenserwartung zu tun hat, hilft nicht weiter, er unterstreicht nur die angespannte demografische Lage, die auf den Sozialkassen lastet. Schon bis 2030 kann sich die Zahl der sozialhilfeabhängigen Rentner nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung auf rund eine Million verdoppeln.

Endstation Straße: Im schlimmsten Fall droht verarmten Rentnern gar die Obdachlosigkeit

Verdeckte Altersarmut
Zudem gibt es jetzt bereits eine hohe verdeckte Altersarmut. Zwischen 184.000 und 494.000 beträgt die Dunkelziffer derjenigen alten Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, diese aber nicht beantragen – aus Unwissen, oder aber weil sie es als noch größere Demütigung empfinden, vom Sozialamt abhängig zu sein und Rechenschaft über jeden ersparten oder hinzuverdienten Euro und jedes erhaltene Geldgeschenk ablegen zu müssen.

Andere haben diese Skrupel nicht, und sie unterliegen auch nicht diesen Zwängen. Die millionenfache Asyl-Zuwanderung in die Sozialsysteme hat den Anteil der Hartz-IV-Bezieher »mit Migrationshintergrund« in den letzten fünf Jahren von 43 auf 55 Prozent hochschnellen lassen –und das trotz absolut rückläufiger Zahlen.

Im Schnitt beträgt das Rentenniveau derzeit nurmehr 48 Prozent des Niveaus der durchschnittlichen Arbeitseinkommen. Dass die gesetzliche Rente allein kein auskömmliches Leben im Alter mehr sichert, ist schon seit Längerem eine Tatsache. Fast jeder zweite Rentner bezieht heute eine gesetzliche Rente von weniger als 800 Euro im Monat, 62 Prozent der Renten liegen laut Arbeitsministerium unter tausend Euro monatlich.

Trauriger Alltag in deutschen Städten: Eine Rentnerin durchwühlt eine Mülltonne auf der Suche nach
Pfandflaschen oder etwas Essbarem

Politische Fehlsteuerungen
Noch bedeutet das nicht zwangsläufig in jedem Fall Altersarmut, denn viele heutige Rentner haben zusätzlich vorgesorgt und beziehen weitere Alterseinkünfte aus Betriebsrenten, privater Rentenversicherung oder Immobilieneigentum. Doch gerade die unerlässliche private Vorsorge wird künftigen Rentnergenerationen durch die fatalen Fehlsteuerungen der etablierten »Weiter so«-Politik zunehmend erschwert und unmöglich gemacht.

Die schrumpfende Mittelschicht wird vom Fiskus mit Rekordabgaben ausgeplündert, und Erleichterung ist angesichts des unersättlichen staatlichen Ausgabenhungers nirgends in Sicht. Den Leistungsträgern der Gesellschaft, die heute noch den Sozialstaat am Laufen halten, fehlt damit der Spielraum, um für das eigene Alter angemessen vorzusorgen.

Verarmungsfaktor Euro
Der größte Treiber von Altersarmut ist die Niedrigzins- und Geldschwemme-Politik der Europäischen Zentralbank. Nicht nur Sparguthaben, sondern auch künftige Rentenansprüche werden damit massiv entwertet. Der staatlich verordnete Zwang, Betriebs- und private Rentenverträge sowie Kapitallebensversicherungen vor allem in vermeintlich »sicheren« Staatspapieren zu investieren, die kaum noch Rendite abwerfen, bedeutet für jeden, der zusätzlich vorsorgt, enorme Vermögensverluste.

Der frühere Ifo-Chef Hans-Werner Sinn schätzt die Wohlstandsverluste für die deutschen Bürger durch den Euro schon jetzt auf Beträge in Billionenhöhe. Verschärfte Kreditbestimmungen und steigende Immobilienpreise durch die EZB-Geldschwemme machen es heutigen Erwerbstätigen kaum noch möglich, Wohneigentum als Absicherung für das Alter zu erwerben.

Einen Weihnachtsbaum oder Geschenke für die Enkel können sich viele deutsche Rentner kaum noch leisten, weil am Monatsende nichts mehr übrig bleibt

In der Demografie-Falle
Schließlich die Demografie: Wenn in zehn bis fünfzehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreicht haben werden, brechen die Einnahmen der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung dramatisch ein, während gleichzeitig die Zahl der Anspruchsberechtigten deutlich steigt. Die heute erworbenen Rentenansprüche dürften damit angesichts generell sinkender Staatseinnahmen weitgehend zur Makulatur werden.

Migration ist, wie sie heute stattfindet, nicht die Lösung, sondern eine zusätzliche Verschärfung des Problems. Millionenfach wandern nicht künftige Beitragszahler ein, sondern dauerhafte Transferempfänger. Die geschrumpften Erwerbsgenerationen der Zukunft werden neben einer deutlich größeren Zahl von Rentnern auch noch für Millionen Zuwanderer aufkommen müssen.

Kindertraum: Mit Oma Weihnachten feiern

Verteilungskämpfe im Weltsozialamt
Harte Verteilungskämpfe sind unausweichlich. Als Reaktion auf den sich abzeichnenden Kollaps der gesetzlichen Rentenversicherung fallen der etablierten Politik nur die üblichen sozialistischen Umverteilungsreflexe ein. Die derzeit noch vorhandenen Spielräume aus den hohen Steuer- und Abgabeleistungen der noch aktiven geburtenstarken Jahrgänge werden bedenkenlos verprasst, um Beruhigungspillen und kleine Wohltaten zur Beschwichtigung heutiger Wähler zu verteilen, die morgen schon unfinanzierbar sein werden. Der große Katzenjammer wird lediglich hinausgezögert.

Geschätzte fünfzig Milliarden Euro lassen Bund, Länder und Kommunen sich die Asylzuwanderung Jahr für Jahr kosten. Bedürftige Rentner müssen für Almosen gnadenlos vor den Behörden ihre Vermögensverhältnisse offenlegen und werden, wenn sie Pech haben, auch noch für ordnungswidriges Pfandflaschensammeln oder nichtgezahlte Rundfunkzwangsabgaben zu Geldstrafen verurteilt. Asylbetrügern wird es dagegen leichtgemacht, ohne Prüfung mit erfundenen Identitäten gleich mehrfach abzukassieren.

Die Kanzlerin rettet den Planeten und macht Deutschland zum Sozialamt der Welt, aber eine demografiefeste Rentenreform, die alten Menschen nach einem langen Arbeitsleben einen würdevollen Ruhestand ermöglicht, bekommt die deutsche Politik nicht hin. Welch eine Schande für ein Land, das seinen Bürgern mehr Geld abknöpft als jeder andere Industriestaat, aber an die eigenen Landsleute stets ganz zuletzt denkt.

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