Ob die, die heute »für das Klima« die Schule schwänzen und auf die Straße gehen, überhaupt wissen, wer Konrad Adenauer war? Ex-›Bild‹-Chefkorrespondent Einar Koch kannte den »Alten« noch als Schüler. Der im Unruhestand weilende frühere Polit-Journalist schreibt einen »Offenen Brief« an die Generation K.

Von Einar Koch

Gerne gebe ich es zu: Konrad Adenauer, der Gründungskanzler dieser Republik, hat es mir seit meiner frühen Jugend angetan. Sein politisches Vermächtnis war der Grund, warum ich später jahrzehntelang mein Kreuz bei der CDU machte. Aber eigentlich bin ich, inzwischen selbst in die Jahre gekommen, schon viel länger bekennender »Adenauerer«.

Ich will jetzt nicht damit prahlen, dass ich den »Alten« besonders gut gekannt hätte. Aber ich kannte ihn. Und er kannte mich.

Als Sextaner Ende der 50er-Jahre führte mich mein Schulweg mit dem Fahrrad frühmorgens durch den »Zennigsweg« in Rhöndorf bei Bonn – ein schmales Gässchen im vorderen Verlauf, das sich am Hang von Adenauers Villa zu einer Anliegerstraße hin öffnete.

Haus am Hang: Adenauers Villa in Rhöndorf ist heute ein Museum, das noch immer bis zu 30.000 Besucher jährlich anlockt

Vor dem Aufstieg zur Villa mit den 58 Stufen wartete unter der Woche kurz nach sieben Uhr mit laufendem Motor der legendäre 300er Mercedes. Liebhaber nennen ihn heute den »Adenauer«. Hinter der Kanzler-Limousine hielt sich das schwarze Porsche Coupé 356 der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes (BKA) bereit. Es war Adenauers einziger Begleitschutz auf dem Weg damals über die Königswinterer Rheinfähre zu seinem Amtssitz, dem Bonner »Palais Schaumburg«.

»Guten Morgen, Herr Bundeskanzler!«, rief ich im Vorbeifahren. »Juten Morgen, junger Mann!«, grüßte der »Alte« im rheinischen Tonfall zurück und tippte an seinen Hut. Manchmal sagte er noch, bevor er in den Wagen einstieg: »Passen Se jut auf im Unterricht. Vor allem im Jeschichtsunterricht.« Der »Alte« wusste wohl, warum.

Nie ohne Hut: Als Konrad Adenauer 1876 in Köln geboren wird, fährt in der Domstadt noch die Pferdebahn. Als er 1967 in seinem Haus in Rhöndorf stirbt, schießen die Amerikaner ihre ersten Mondraketen ins All

Die Nazis hatten Konrad Adenauer 1933 als Kölner Oberbürgermeister aus dem Amt gejagt. Als der spätere CDU-Kanzler 1955 die letzten der rund 10.000 überlebenden deutschen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft heimholte, lag ihm die alte Bundesrepublik zu Füßen. Zwei Jahre später, bei der Bundestagswahl 1957, war Adenauer auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit dem Wahlkampf-Klassiker »Keine Experimente« gewann die Union zum einzigen Mal die absolute Mehrheit: 50,2 Prozent!

Mitte der 50er Jahre liegt Westdeutschland dem Kanzler zu Füßen. Die Mutter eines bis dahin vermissten Soldaten küsst Konrad Adenauer die Hand, nachdem er mit einem diplomatischen Bravourstück ihren Sohn zusammen mit den letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der damaligen Sowjetunion heimgeholt hat

Gemeinsam mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle ebnete Adenauer den Weg zur Aussöhnung und zur heutigen Freundschaft mit Frankreich. Beides wurde 1963 mit dem »Élysée-Vertrag« besiegelt.

Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle (re.) und der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichnen am 22. Januar 1963 in Paris den  Élysée-Vertrag. Das von beiden Staatsmännern vorangetriebene Freundschaftsabkommen versöhnt die beiden Nachbarn in Europa nach langer »Erbfeindschaft« und verlustreichen Kriegen

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Noch heute, wenn ich mit dem Mountainbike im »Siebengebirge« unterwegs bin, führt mich der Weg manchmal zu Adenauer an sein Grab auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof. Diejenigen, die sich im Namen ihrer Parteizentrale auf ihn berufen, haben sich hier schon lange nicht mehr blicken lassen. Ein Gärtnereibetrieb legt alle paar Monate zwei Auftragskränze ab – einer von der Bundeskanzlerin, einer vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Nun ja, eine lästige Pflicht offenbar.

Gelegentlich verharre ich vor dem Grab, denke an die Kindheit und Jugendzeit zurück. So auch dieser Tage. Ich fragte mich, was der »Alte« wohl heute zu den »Jungen«, vor allem zur »Generation Klima« sagen würde?

Adenauers Grab auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof: Diejenigen, die sich im Namen ihrer Parteizentrale auf den großen Nachkriegskanzler der CDU berufen, wurden hier schon lange nicht mehr gesehen

Ich denke, Adenauer würde in etwa Folgendes sagen:

»Wisst Ihr eigentlich, wer Deutschland nach dem Krieg aufgebaut hat? Das waren Eure Ur-Großeltern. Wisst Ihr eigentlich, wem Ihr heute Euren Wohlstand, Euren Spaß, Eure Smartphones, Eure Tablets, Eure schicken Klamotten, Eure Autos, Eure Konzertkarten und Reisen zu verdanken habt? Das alles habt ihr nicht den Jrönen zu verdanken – die Grundlagen für Euer schönes und unbeschwertes Leben haben andere Generationen vor Euch erschaffen.«

Dann würde Adenauer wohl einen Moment innehalten und fortfahren:

»Nicht die Generation K wie Klima hat Deutschland zu dem gemacht, was es heute ist. Nein, das war die Generation A wie Arbeiter und später R wie Rentner. Auf deren Arbeit lässt sich trefflich ausruhen und die Schule schwänzen. Diese Generationen haben Euch den weltfremden und bequemen Ego-Trip ermöglicht. Die Steuerzahler finanzieren Euch, sofern Ihr es überhaupt schafft, Euer Studium.«

Und fies wie er werden konnte, würde der »Alte« fragen:

»Habt Ihr je einmal im Arbeitsleben gestanden? Wisst Ihr, was es damals in den 50er- und frühen 60er-Jahren hieß, die D-Mark zwei Mal umdrehen zu müssen, bevor man sie ausgab? Wisst Ihr eigentlich überhaupt irgendetwas vom Leben?«

Ich bin mir fast sicher, der »Alte« würde heute aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommen. Er würde den Kopf schütteln über seine Nachfolgerin im Kanzleramt. Er würde Madame und der »Generation Klima« die ›Frankfurter Allgemeine Zeitung‹ vorhalten, die in einem grandiosen Stück die Verleihung der Klima-»Ehrendoktorwürde« an Angela Merkel (CDU) durch die Harvard-Universität als das entlarvt hat, was es war: ein Stück aus dem Tollhaus!

Und ich glaube, der »Alte« würde der heutigen Generation abschließend einen Rat mit auf den Weg geben:

»Werdet Erst einmal erwachsen, kommt erst einmal im Leben an – und zwar mit Eurer eigenen Arbeit. Dann bringe ich Euch die Achtung entgegen, die ihr gerne hättet. Dann, wenn Ihr nicht mehr im ›Hotel Mama‹ wohnt, sprechen wir uns vielleicht wieder. Dann können uns über ›dat Klima‹ unterhalten.«

Einar Koch

Einar Koch

Jahrgang 1951, war bis 2016 politischer Chef-Korrespondent der ›Bild‹-Zeitung.

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