Exklusiv: Die Orbán-Vertraute Maria Schmidt im Gespräch mit dem Deutschland Kurier

»Was ist mit Deutschland nur los?«

»Es gibt fast keine kritischen Stimmen mehr in Deutschland. Und dann werden wir beschuldigt, in Ungarn die Meinungsfreiheit einzuschränken«: Maria Schmidt, eine enge Mitarbeiterin des ungarischen Premier Viktor Orbán, zum politischen Klima unter Merkel

»Angela Merkel hat aus Deutschland eine DDR gemacht«, so Maria Schmidt, Generaldirektorin des Budapester Museums »Haus des Terrors« und langjährige Vertraute von Viktor Orbán, der bei der EU-Wahl 52% der Stimmen in Ungarn gewonnen hat, im Gespräch mit dem Deutschland Kurier. 

von Collin McMahon

»Was ist mit Deutschland nur los?« fragt uns die Vordenkerin der Orbán-Fraktion. »Die Menschen dort haben Angst zu sprechen, Angst ihren Job zu verlieren, wenn sie ihre Meinung sagen. Es gibt fast keine kritischen Stimmen mehr in Deutschland. Und dann werden wir beschuldigt, in Ungarn die Meinungsfreiheit einzuschränken. Das ist so unglaublich arrogant, das spottet jeder Beschreibung.«

Maria Schmidt ist Historikerin und Leiterin des Museums Haus des Terrors in Budapest. Sie promovierte in deutscher Literatur und Geschichte an der Eötvös-Loránd-Universität 1985 und forschte u. a. an der TU Berlin, den Universitäten von Innsbruck und Wien sowie in Yad Vashem in Israel. Sie war die erste Stipendiatin der Open-Society-Stiftung von George Soros und besuchte die University of Indiana in Bloomington, USA. Sie heiratete den ungarischen Soziologen und Bauunternehmer András Ungár (2006 verstorben), mit dem sie eine Tochter und einen Sohn hat.

Als ihr Sohn drei Jahre alt war, kamen die Ex-Kommunisten in Ungarn wieder an die Macht. Soros hatte 1994 ein Bündnis zwischen den Ex-Kommunisten und der Liberalen Partei geschmiedet, das 1998 nach Korruptionsvorwürfen abgewählt wurde. »Ich hatte mich 1989 in Viktor Orbán ›verliebt‹, als er zum Jahrestag des Ungarn-Aufstandes von 1956 seine berühmte Rede auf dem Heldenplatz hielt und den Abzug der Sowjetarmee forderte. Er läutete damit das Ende des Kommunismus ein. Es war die wichtigste Rede in der Wendezeit in unserem Land. Ich war gerade von meinem Stipendium in USA zurückgekehrt und sagte: ›Oh mein Gott, der Kerl ist ‘ne Bombe!‹.«

Schmidt kannte Orbáns damaligen Kabinettschef, der sie dem 30-jährigen Fidesz-Parteichef vorstellte. Sie war sich sicher, dass Fidesz sich niemals auf ein Bündnis mit den Alt-Kommunisten einlassen würde, so Schmidt. »Sie waren jung, aber ihr Herz war am richtigen Fleck. Ich habe seitdem keine andere Partei gewählt.«

Als Orbán 1998 zum ersten Mal Premierminister wurde, wurde sie seine Chefstrategin, er beauftragte sie als Kuratorin mit der Errichtung des Budapester Museums Haus des Terrors, das dem linken und rechten Terror gedenkt: Eichmanns Vernichtung der ungarischen Juden und dem Terror der rechtsextremen »Pfeilkreuzler« von 1944 sowie der sowjetischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956. Allein schon die Verquickung von linkem und rechtem Terror ist für deutsche Linke eine Provokation. »In Ungarn bezweifelt niemand, dass diese totalitären Regime vergleichbar sind, wir haben die lebendige Erfahrung beider Diktaturen und wissen, worüber wir sprechen«, so Schmidt.

Damals war Helmut Kohl der politische Ziehvater von Viktor Orbán, erinnert sie sich. »Als Orbán mit 35 Premierminister wurde, rief er als Erstes Helmut Kohl an und fragte ihn: ›Was soll ich machen?‹ Kohl sagte: ›Komm her, wir unterhalten uns.‹ Der damals 1996 ebenfalls neu ins Amt gewählte rumänische Präsident Emil Constantinescu hat dasselbe gemacht: Er hat Kohl angerufen. Alle Mitteleuropäer haben damals Kohl bewundert. Jetzt stehen sie der deutschen Regierung äußerst negativ gegenüber. Angela Merkel und die Deutschen vergessen, dass Deutschland kein westeuropäisches Land ist. Es ist ein mitteleuropäisches Land. Es liegt in der Mitte Europas. Es sollte sich das eigentlich zunutze machen.«

Deutschland habe sich unter Angela Merkel verändert, so Schmidt. »Was Angela Merkel gut kann, ist ihre Gegner und Rivalen auszuspielen. Darin ist sie einfach spitze. Aber sie hat keine eigenen Ideen, keine Vision, keine Ahnung von Geschichte, Kultur oder der Welt. Seit 14 Jahren habe ich von ihr keinen einzigen Satz gehört, den man sich merken sollte. Sie hat einmal gesagt, ›Multikulti ist gescheitert‹, dann hat sie das Gegenteil getan. Auch wenn sie noch 10 weitere Jahre im Amt bleibt, wird die Geschichtsschreibung – meines Erachtens nach – diese Frau nur wegen zwei Taten in Erinnerung behalten: Dass sie Deutschland zerstört hat, indem sie 2 Millionen illegale Migranten unkontrolliert ins Land gelassen hat, und dass sie daran scheiterte, nach 2008 Europas Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen. Das ist ihre Hinterlassenschaft.«

Schmidt glaubt, Politiker müssten Wegweiser sein. Merkel sei das Gegenteil, eine Mitläuferin, die nur gefallen will. »Als Viktor Orbán im Herbst 2015 gesagt hat, wir bauen einen Zaun gegen die illegalen Migranten, hat er enormen Gegenwind aus ganz Europa bekommen. Aber er stand dazu. Heute weiß jeder, dass er recht hatte. Wenn man wie Merkel nur ein Fähnchen im Wind ist, hat man nie recht. Sie hat sich von der Atomkraft verabschiedet – wozu? Jetzt müssen die Deutschen 30% mehr für ihren Strom zahlen. Angela Merkel hat alle politischen Gegner ausgeschaltet, aber die Grünen werden sie höchstwahrscheinlich trotz ihres Atomstopps besiegen. Sie wollte im Grunde genommen aus der CDU eine grüne Partei machen. Wozu soll man da noch CDU wählen?«

Die Deutschen seien immer die Geiseln einer Ideologie, so Schmidt, ob es nun der Nationalsozialismus, der Sozialismus oder nun der Multikulturalismus sei. »Sie sind gefangen. Donald Trump hingegen ist ein Realpolitiker. Wie Helmut Kohl oder Gerhard Schröder. Beide kümmerten sich um die Gegebenheiten der realen Welt, nicht um irgendwelche Ideologien.«

In Deutschland machten »20 oder 30 Journalisten« die Politik, sagt Schmidt, danach richte sich Merkel und die deutschen Politiker. »Merkels größtes Verbrechen« sei, die politische Diskussion in Deutschland erstickt zu haben. »Dieser Manfred Weber [CSU, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei für die EU-Wahl 2019, Anm. d. Red.] ist so ein schwacher Kandidat.« Beim Duell der EU-Spitzenkandidaten habe man nur Binsenweisheiten ausgetauscht, »Seenotrettung im Mittelmeer« gefordert, ohne die drängenden Probleme zu benennen, die Europa zu schaffen machen. Sie fühlte sich an Sandra Bullock im Film »Miss Undercover« erinnert, wo die Schönheitsköniginnen alle »Weltfrieden« gefordert hätten. »Man hat den Eindruck, so sind die Deutschen. Sie wollen alle nur den Weltfrieden.«

Schmidt bewundert den Kohl- und Adenauer-Biografen Hans-Peter Schwarz, »einer der größten deutschen Historiker der Nachkriegszeit«. Dieser habe kurz vor seinem Tod 2017 ein Buch geschrieben, in dem er Merkels Flüchtlingspolitik scharf attackiert habe: »Die neue Völkerwanderung nach Europa: Über den Verlust politischer Kontrolle und moralischer Gewissheiten.« Schwarz sei der »offizielle Biograf der CDU« gewesen, heute würde ihn aber in Deutschland keiner mehr kennen. Nur in Ungarn würde man sein Buch noch lesen, so Schmidt.

Fortsetzung folgt: »Viktor Orbán, Benjamin Netanjahu und George Soros«

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