Experten sehen mehr Fragen als Antworten

»Notre-Dame«: War es womöglich doch Brandstiftung?

Das Inferno von Paris – noch immer steht nicht mit letzter Sicherheit fest, wie es zu dem verheerenden Feuer von »Notre-Dame« kommen konnte. War es am Ende doch Brandstiftung?

»Notre-Dame« in Flammen: Die Ursachen des verheerenden Brandes sind immer noch nicht gefunden

850 Jahre überstand die Pariser Kathedrale Kriege, das Wüten des Pöbels während der Französischen Revolution und die deutsche Besatzung. Alles ohne Schaden zu nehmen. Erst in der Woche vor Ostern 2019 zerstörte ein verheerendes Feuer große Teile des gotischen Bauwerks. Experten sehen bei der Brandursache mehr Fragen als Antworten.

Es war der frühe Montagabend am Beginn der Karwoche, als das Inferno begann. Es war auch der Abend, an dem der französische Präsident eigentlich eine Krisenrede zur Lage der Nation geplant hatte.

Seit nunmehr fast zwei Wochen wird die Unglücksstelle von Spurensicherern, Staatsanwaltschaft und Brandexperten untersucht. Bis auf Weiteres gilt – zumindest vorerst – ein Kurzschluss an den Aufzügen, die an den Gerüsten der Dachbaustelle befestigt sind, als möglicher Brandauslöser. Bewiesen ist das nicht. Und es bleiben Ungereimtheiten.

  • Marc Eskenazi, der Sprecher des Versicherungsriesen »AXA«, erklärte, dass der Feueralarm nicht durch die Brandmelder an den Gerüstaufzügen, sondern in der Kathedrale selbst ausgelöst wurde. Der Gerüstbauer ist bei »AXA« versichert.
  • Diese Version bestätigte der Organist Johann Vexo gegenüber der Zeitung ›Ouest-France‹: »Gegen 18.25 Uhr oder 18.30 Uhr ertönte ein Alarm. Diesen Alarm kannten weder der Priester noch die Sängerin, die mich begleitete, noch ich, wir hatten ihn nie zuvor gehört. Er begann mit einer Sirene, dann erfolgte eine Nachricht auf Französisch und Englisch, die die Besucher aufforderte, das Gebäude ruhig zu verlassen.«

Er habe zuerst an eine Fehlermeldung gedacht, sagte der Organist. Dennoch habe er die Kathedrale um 18.45 Uhr verlassen: »Ich sah keinen Feuerwehrmann, keinen Rauch, keinen Geruch.«

  • Der Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz teilte mit, dass um 18.20 Uhr auf dem Bildschirm des Sicherheitsdienstes von »Notre-Dame« erstmals ein roter Punkt erschienen sei, der eine Unregelmäßigkeit im Dachbereich angezeigt habe. Ein Sicherheitsmann habe daraufhin die angegebene Zone unter dem Dach untersucht ­– ohne Befund. Er benachrichtigte deshalb nicht den diensthabenden Priester. Laut den Sicherheitsvorschriften sind die Geistlichen nur im Fall eines Feuers zu benachrichtigen.
  • Der automatische Alarm ertönt normalerweise sehr früh. Doch ausgerechnet am Montag funktionierte das System nicht richtig. Ein erster Alarm gab, wie erwähnt, keinen Hinweis auf ein Feuer und wurde deshalb als Fehlalarm gedeutet. Als um 18.43 Uhr ein zweiter Alarm auf den Bildschirmen der Sicherheitsleute erschien, brannte das Gebälk bereits lichterloh.
  • Anfangs wurde offiziell als Hypothese vertreten, dass Schweißarbeiten oder Fahrlässigkeit der Handwerker auf dem Dach den Brand ausgelöst haben könnten. Doch die Firma »Le Bras Frères«, die mit der Renovierung des 96 Meter hohen völlig abgebrannten Spitzturmes beauftragt war, weist diesen Vorwurf entschieden zurück:

Der letzte Arbeiter habe bereits um 17.50 Uhr die Baustelle verlassen. Das Sicherheitsprotokoll sei korrekt befolgt worden. Es sieht vor, dass bei Feierabend der Strom auf der Baustelle vollständig abgestellt und der Schlüssel zur Baustelle in der Sakristei abgegeben wird. Abgesehen davon habe es überhaupt keine Schweißarbeiten gegeben; es sei lediglich am Gerüstaufbau gearbeitet worden. Polizeiquellen bestätigen dies.

  • Der Architekt Benjamin Mouton, Leiter der »Monuments Historiques« und von 2010 bis 2013 Dombaumeister an der Pariser Kathedrale, war für die Umsetzung eines neuen Feuerschutzprogrammes verantwortlich. Er erklärte: »In 40 Berufsjahren habe ich noch nie ein solches Feuer gesehen. Die Brandschutzmaßnahmen in der Kathedrale sind auf höchstem Niveau.« Ein Sicherheitsmann könne innerhalb weniger Minuten sagen, ob es brennt oder nicht. Weiter: »Wir haben viele Holztüren durch Brandschutztüren ersetzen lassen, wir haben alle Elektrogeräte begrenzt und im Dachstuhl komplett untersagt.«
  • Ein namentlich nicht genannter Bau-Experte, den das Branchen-Fachblatt ›Batiactu‹ zitiert, gibt zu bedenken: »Das Feuer konnte nicht durch Kurzschluss entstehen. Um ein solches Feuer zu entfachen, benötigt man eine starke Hitzequelle am Anfang. Eiche ist ein besonders resistentes Holz.«

Es bleiben also mehr Fragen zur Brandursache, als es plausible Antworten gibt. Fakt ist nach bisherigem Stand: Ein Beweis für Brandstiftung wurde nicht gefunden – aber eben auch kein eindeutiger Gegenbeweis! (hh)

PS: Der Rauch von »Notre-Dame« lag noch in der Luft von Paris, als bereits die ersten »Architekten« Vorschläge für einen »mutigen« und »zeitgemäßen« Wiederaufbau der Kathedrale machten. Mit der wohl bizarrsten Idee wartete der Herausgeber der ›Architectural Review‹, Tom Wilkinson, auf. In der Fachzeitschrift ›Domus‹ schlug er vor, den abgebrannten Spitzturm der Kathedrale durch ein Minarett zu ersetzen – zum Gedenken an die »muslimischen Opfer«, die Frankreich »in Algerien auf dem Gewissen hat«.

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