Gebührenboykott als Akt der Moral

Ein Gastbeitrag von Matthias Matussek

Was ist das nur für ein Milieu, in dem es als normal gilt, wenn eine Oma als »Nazi-Sau« beschimpft wird? Verwahrloste Alkoholiker? Crackbuden? Typen wie in Gorkis »Nachtasyl«, also der trostlose Bodensatz einer Gesellschaft von Wölfen?

»Meine Oma ist ‘ne alte Nazisau!« – Jetzt braucht’s Gebührenwiderstand!

I wo, es sind gutfrisierte Anzugträger, Planstellenbesitzer mit Maniküre, bei denen lediglich das Innere eine Kloake ist: roh, brutal, dreckig. Die meisten sind mitteljung. Sie tragen die angesagten Logo-Shirts und Brillen und adrette Jeans. Aber sie haben die Gesinnung von Pitbulls. ›Stern‹-Redakteure applaudieren ihnen, weil sie das für revolutionär halten, also für eine Art Ersatz-Authentizität ihre verpfuschten Durchlavieren durch ein bedeutungsloses Leben.

Also Omas beleidigen.
Wahlweise als »Umweltsau« oder als »Nazi-Sau«.

In zivilisierten Gesellschaften wird den Angehörigen der älteren Generation Respekt entgegenbracht, ihre Erfahrung, ihrer Leidensbereitschaft, ihrem Aufopferungswillen, außer in der deutschen, denn hier gelten die Älteren als Täter. Sie stehen nicht nur für die Nazivergangenheit, sondern auch für die Klimakatastrophe.
Es muss ein hermetisch abgedichtetes und rundumversorgtes und wirklichkeitsfernes Milieu sein, in dem diese primitiven Überzeugungen vor sich hin köcheln. Ein Milieu gleichwohl, das sich im Besitz höherer Wahrheiten wähnt.
Ich schätze mal, es sind viele Kultur- oder Medienwissenschaftler darunter, die sämtliche kritischen Gesellschaftstheorien draufhaben, aber Gesellschaft nur als den Kreis von Kumpeln kennen, der sich im Stamm-Café aufhält. Sie sind Antifaschisten, kennen jede Opfergruppe, weil sie sich mit ihr identifizieren, und sie trinken ihren Caffè Latte radikal.
Sie sind im Journalismus gelandet, nicht weil sie ihr Publikum über die Vorgänge in der Welt informieren wollen, sondern von ihrer Meinung darüber, denn die halten sie für viel interessanter.
Sie nennen es Haltung. Der deutsche Redakteur, so befand Max Weber schon in den 20er-Jahren, will nicht informieren, sondern erziehen. Er ist nicht Journalist, sondern Pädagoge.
Und selbstverständlich revolutionär. Und keiner hat ihnen gesagt, dass man als »Revolutionär« zuletzt vielleicht noch in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgefallen ist. Nun, sie hoffen auf ein Revival, weil sie das Original verpasst haben. Und es geht um nichts anderes in diesem Beruf als darum, aufzufallen.Nun könnte man durch Intelligenz auffallen, durch Humor oder Bildung. Sie haben die einfachste Rolle gewählt: Klimaaktivist.
Wie in dieses hübsch freche, altbekannte, aktivistische »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« dieser klimaernste Nackenschlag »alte Umweltsau« reinhaut, und wie leichthändig das zur »alten Nazi-Sau« wird! Was sind das für Leute, die ihrer Kundschaft, nur Verachtung und Zynismus entgegenbringen können? Es müssen humorlose brutalisierte Überzeugungstäter sein, Pädagogen mit Vernichtungsfantasien, die wir von den Roten Garden kennen oder den Schlächtern von Bruder 1 in Kambodscha.
Es dürfte bekannt sein, dass George Orwell das »Wahrheitsministerium« seiner Dystopie »1984« architektonisch dem Gebäude des damaligen ›BBC‹ mit seinen unendlichen Gängen und gleichförmigen Türen nachgebildet hat, eben einer Superbehörde. Dass er gleichwohl die Rundfunkanstalt gewählt hat, ist kein Zufall – sie bestimmt zumindest damals, in einem Wahrheitsmonopol, was die Wirklichkeit war, sie sendete, neben Propaganda, den Verzweifelt-Hoffenden in Deutschland verlässlich, welche Fortschritte die Alliierten machten.

Ob sie heute ähnlich verlässlich wäre?

Unter den Versprechen, mit denen Boris Johnson seinen gigantischen Wahlsieg eingefahren hatte, war auch jenes, die Zwangsfinanzierung der ›BBC‹ durch Steuern zu untersuchen. Es hatte sich gezeigt, dass ein ganzer Medienapparat nahezu geschlossen während des Wahlkampfes und in den Monaten zuvor den Kandidaten Johnson als wahlweise Stümper, Idioten oder Betrüger bekämpfte. Dafür, so Johnson, sollten in Zukunft keine Zwangssteuern entrichtet werden, da könnten Interessierte sich doch ihre finanzielle Ausstattung auf dem freien Markt besorgen! Dass unser kampagnengestälter Staatsfunk mitspielte, versteht sich von selbst: Noch in der Wahlnacht meinte man, die Erdrutschsieg für Boris Johnson minimieren zu können – als er dann schließlich feststand, kommentierte die ›ARD‹-Korrespondentin, man möchte es nicht glauben: Sie fühle sich an Deutschland 1933 erinnert.
Sind diese völlig verquirlten Hirne eigentlich ständig besoffen, ständig schamlos benebelt?
Als großen Gewinner der Wahl übrigens präsentierte sie die Grünen auf der Insel – sie schafften es, ihr Ergebnis von 1,6 % auf 2,7 % anzuheben – und schicken nun einen einzigen Parlamentarier ins Unterhaus. Das ist Realsatire im öffentlichen Auftrag – dabei kann man auch von der Insel vernünftig, informativ, kritisch und sogar mit Humor berichten. Ich habe es selber drei Jahre lang getan.
Und ich habe Ähnlichkeiten zwischen diesen verbeamteten Tendenzbetrieben beschrieben.
Wobei die deutschen öffentlich-rechtlichen Funkhäuser wesentlich unverfrorener täuschen oder auslassen als ihre britischen Counterparts, obwohl ich schon dort grässliche Manipulateure und Primadonnen kennengelernt habe. Der ›WDR‹ selber ermittelte in einer Umfrage, dass knapp 40 % der Konsumenten die Sender für unglaubwürdig halten.
Es häufen sich die Vorfälle, die Anlass dafür geben. Da sickert ein Papier durch, in dem Sprachregelungen, vulgo: Propaganda, vorgegeben werden. Da wurden in der »Willkommenskultur‹ bewusst keine bärtigen jungen Eindringlinge, sondern nur kleine Kinder mit Müttern gezeigt.
Da wurde über Morde durch Flüchtlinge gar nicht berichtet, weil diese nur von »regionalem Interesse« seien.
Da wurde ein Film vom ›WDR‹ unter Verschluss gehalten, weil er die unbequeme Wahrheit von Antisemitismus in kirchlichen Nah-Ost-Hilfsorganisationen vorführte. Als er schließlich ausgestrahlt wurde, geschah es mit eingeschobenen Hinweistafeln, sozusagen betreutem Sehen, die die Bilder und Interviews relativierten.
Da wurde auf ›KiKA‹ zu Schmusemusik die verlogene Liebesgeschichte eines minderjährigen Mädchens zu einem angeblich minderjährigen vollbärtigen Flüchtling zelebriert. Ein Jahr später trat dieses Mädchen auf einem Poetry-Slam auf und berichtete von Vergewaltigungen durch ihren Peiniger.
Nachrichten und Talkshows nennen die größte (und einzige) Oppositionspartei im Lande, die AfD, mit ihren Millionen von Wählen notorisch »undemokratisch«, wenn sie sie überhaupt zu Wort kommen lassen, ohne einen einzigen Beleg für ihre Disqualifizierungen vorzulegen.
Kommentare und Moderationen schieben Funktionäre und Wähler der »Alternative für Deutschland« in die Ecke von Rechtsextremen oder Nazis.
Kritische Magazinbeiträge zum Klima-Alarmismus wie ein viral gewordener ›ZDF‹-Report verschwinden aus der Mediathek. Äußerst freundlich und beflissen wird über den Vandalismus sogenannter Extinction-Rebellen berichtet.
Kurz: Was uns in die Stube gesendet wird, ist ein geradezu schwachsinniger Kompott aus weltanschaulichen Bizarrerien, arrogantem Gutmenschentum und Publikumsverachtung.
Die unjournalistische Fehlerhaftigkeit, gepaart mit Überheblichkeit bei den Öffentlich-Rechtlichen fasste »Monitor«-Magazinmacher Georg Restle bestens zusammen, als er verlauten ließ, er interessiere sich nicht für Neutralität, sondern für »Haltung«.
In kommunistischen Diktaturen nannte man das den »Klassenstandpunkt« – wer den vermissen ließ, wurde als kleinbürgerlich aussortiert und konnte seine Parteikarriere vergessen.
In unserem Fall: seine Karriere im öffentlich-rechtlichen Apparat.
Sicher haben wir mittlerweile unendlich viele Entschuldigungen für diverse »Pannen« von Intendanten gehört, von Tom Buhrow oder von Lutz Marmor oder der einstigen SED-Funktionärin Wille vom ›MDR‹, aber um in den Funkhäusern nach ganz oben zu gelangen, wird man sich jeden kleinbürgerlichen Fehltritt, jeden Verstoß gegen den Klassenstandpunkt verkniffen haben müssen, um schließlich bei Jahresgehältern von 300.000 (Buhrow) oder Kleber (600.000), der nicht mal Intendant ist, zu landen.
Nun die Frage der Fragen: Müssen wir uns das alles gefallen lassen?
Müssen wir uns diese Berieselung durch einen tendenziös verschlagenen Lückenjournalismus sowie durch unterbelichtete Talkmeisterinnen, durch unterirdische tränennasse Sozialdramen und Quizshows bieten lassen und dafür auch noch blechen?
Nun, ich habe mich belehren lassen:
Tatsächlich muss der schiere Boykotteur mit Strafandrohungen und Zwangseintreibungen, teilweise mit Haft rechnen. Doch die Antwort auf eine sich allmächtig fühlende Behörde kann der listige bürokratische Guerilla-Kampf sein. Ich schlage vor, einen Gebührenboykott der nachhaltigen Art – nach den Regeln spielen, aber dafür den Koloss in die Knie zwingen.
Das fängt damit an, dass ich die Einzugsermächtigung kassiere. Und hört längst nicht damit auf, dass ich verlange, dass mir die Behörde genau erklärt, was sie mit meiner Gebühr anstellt. Was für ein Aufwand!
Im Kern geht es um Folgendes: Möglichst viele Gebührenzahler werfen Sand in das Getriebe von ›ARD‹ und ›ZDF‹, damit das Zwangssystem existenzielle Probleme bekommt! Näheres zum Brevier des Widerstandes hier:

Link: Brevier des Widerstandes

Viel Glück damit, ich habe heute meinen ersten Brief losgeschickt und werde euch auf dem Laufenden halten! Die jüngste Nachricht von der Insel übrigens: Zwei Drittel der Briten wollen die Zwangsgebühr für die ›BBC‹ gestrichen sehen!

Link zum Beitrag: Generationenhetze 

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier

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