Geburt einer Nation:

Die Zaubernacht unserer Wiedervereinigung – und wie wir die Erinnerung daran schreddern

Das Establishment »feiert« 30 Jahre Mauerfall: Keine Spur von Schwarz-Rot-Gold, keine Spur von nationalen Emotionen

Die offiziellen Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor waren peinlich: Die deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold suchte man vergebens. Bestsellerautor Matthias Matussek analysiert für den Deutschland Kurier den nationalen Selbsthass der Eliten; er erzählt von seinen persönlichen Empfindungen bei der Nachricht vom Fall der Mauer und erläutert, weshalb die Deutschen in Ost und West einander brauchen.

Wer die Festivitäten zum Jubiläum des Mauerfalls am Brandenburger Tor verfolgte, konnte auf die Idee verfallen, hier ein Produkt namens »Space-Night« abgefeiert zu sehen, eine neue Brause oder ein Parfüm, mit Silberlametta, stahlblauem Gerüst, Laser und Nebel.

Darauf, dass sich hier die deutsche Nation feiert, wäre ich nicht gekommen. In Frankreich wäre alles Trikolore, in den USA das Star-Spangled-Banner, in Great Britain der Union Jack – bei uns fehlten die Farben Schwarz, Rot und Gold geradezu aufdringlich.

Dabei war in dieser Nacht vor dreißig Jahren Ernst Moritz Arndts brennende Frage aus den Befreiungskriegen: »Was ist des Deutschen Vaterland?« beantwortet worden. Die Deutschen waren endlich angekommen. Bei sich selbst.

Wollte sich denn niemand mehr erinnern? Wie es leuchtete in dieser Nacht, wie sie strahlten die Gesichter, wie sie sich in den Armen lagen die Deutschen aus Ost und West, in den Scheinwerfern der Kameras, im Blitzlichtgewitter, in den Augen der Weltöffentlichkeit!

Mir fiel knapp 10.000 km weiter westlich der Klempner Paul Mitchell um den Hals, in einer Kommune in diesem Vorort von San Francisco, denn auch dorthin war dieses Weltereignis übertragen worden.

Paul hatte durch ein Erdbeben der Stärke 7,2 in Kalifornien – der Grund für meine Anwesenheit dort – sein Haus verloren, doch er war euphorisch. »Endlich seid ihr Deutschen wieder vereint«, und er schüttelte mir die Hand, er schwengelte sie, als sei ich ein Glücksspielautomat, der jetzt den Gewinn für die 777-Serie rausprasseln würde.

Aber er freute sich für MICH. Der Mann hatte mehr oder weniger seine Existenz verloren, aber er kannte wie alle Welt die Berliner Mauer, die steingewordene politische Perversion des Kalten Krieges, sie gab Stoff für Schicksale, für tödliche Dramen und triumphale Fluchten in die Freiheit, und mit all dem war auch Paul aufgewachsen.

Auch nachdem ich wieder in Deutschland gelandet war, schienen meine Landsleute außer sich, vor allem aber die Generation derjenigen, für die Weimar oder Dresden oder Rügen Kindheits- und Familienorte waren. Für meine Eltern oder ›Spiegel‹-Gründer Rudolf Augstein oder Hellmuth Karasek, meinen Ressortleiter. Sie fieberten und Karasek wollte von meiner Erdbeben-Reportage nichts wissen, sondern rief nur: »Geh endlich rüber!«

Ich ging. Ins Ostberliner Palasthotel. Und blieb. Es war das spannendste Jahr meiner journalistischen Karriere.

Es gab allerdings auch die Bedenkenträger. Die Einheitsgegner. Diejenigen, denen mulmig wurde bei dem Gedanken über ein großes wiedervereinigtes Deutschland im Herzen Europas. An sie hat wohl der Talkshow-Gastgeber Jay Leno gedacht, als er den Witz riss: »Habt ihr schon gehört? Die Deutschlands haben sich wiedervereinigt – jetzt fragt sich natürlich jeder, wann sie wieder auf Tournee gehen.«

So sah man Willy Brandt und Helmut Kohl und andere in dunklen Wintermänteln vor dem Schöneberger Rathaus die Nationalhymne singen – in den gellenden Pfiffen linker antideutscher Störer, die in Deutschland vor allem eine Weltgefahr sahen, grüne Politiker, die später unter dem Spruchband »Deutschland, du mieses Stück Scheiße« hinterherlaufen würden. Joschka Fischer, später deutscher Außenminister, meinte in seinen Memoiren, man müsse die Deutschen »einhegen«, da sie sich immer wieder als Gefahr für den Weltfrieden erwiesen hätten. Diese Einheitsgegner, besonders die urbanen Eliten, hatten längst einen wunderbaren Bypass für patriotische Gefühlsströme gefunden. Sie nannten ihn: Europa. Das sollte der Rettungsanker für Deutschenhasser werden.

Ein lang gehütetes Geheimnis der Deutschen wurde nach Mauerfall und Wende offenbar ihr sorgsam genährter Selbsthass, der sich als Wiedergutmachungsschuld für die Naziverbrechen camouflierte. Tatsächlich saß Günter Grass im New Yorker ›PBS‹-Studio einem entgeisterten Charlie Rose gegenüber und erklärte ihm, dass eine deutsche Wiedervereinigung für ihn nicht in Frage käme: das Verbrechen Auschwitz könne nur mit fortwährender Teilung gesühnt werden.

Jenseits dieser nationalen Selbstverachtung durch die Eliten machte das Volk allerdings, was es wollte, aus dem oppositionellen Ruf »Wir sind das Volk«, wurde »Wir sind ein Volk«, und die schwarzrotgoldenen Fahnen wehten in kalten Novembernächten.

Das im Grundgesetz und in zahllosen Festreden beschworene geeinte Deutschland war nun plötzlich Realität, aber das dazugehörige Nationalgefühl, der Nationalstolz, der Patriotismus waren Gefühlslagen, die allenfalls bei Sportereignissen wie Fußballweltmeisterschaften mobilisiert werden durften oder konnten.

Was für Franzosen oder Italiener, für Amerikaner oder Polen die natürlichste Sache der Welt war – eine verbindende Mythologie aus gemeinsamer Gründung, gemeinsamen Triumphen, auch gemeinsam erlittenen Tragödien, eben das, was der Philosoph Ernst Renan als »Nationalgefühl« bezeichnet – blieb den Deutschen fremd. Gemeinsam waren uns nur Trauerakte, Gedenkakte, festliche Anlässe zur kollektiven Scham.

Von Beginn an zeigte sich der Ostteil unseres Landes heimatverbundener, heimatstolzer, sie hatten das freie Deutschland ersehnt, das dem Westen nach dem Kriege von den Amerikanern geschenkt worden war – sie hatten es sich erkämpft. Ja, sie hatten den Salonkommunisten des Westens vorgemacht, wie das geht: eine deutsche Revolution.

In der Folge, ganz dezidiert aber in den letzten Amtszeiten der Kanzlerin Merkel, wurden die Ostdeutschen –politisch wie medial – zu fremdenhassenden Hinterwäldlern abgestempelt, weil sie nicht damit einverstanden waren, dass ihr Deutschland islamisiert und afrikanisiert werden solle, ohne Abstimmung im Parlament, quasi hinter dem Rücken des Volkes.

Sehr viel deutlicher als die Menschen im Westen spüren sie, dass eine Nation auch eine Schicksalsgemeinschaft ist, die den Stürmen der Globalisierung, die dabei sind, vertraute Bindungen und Bräuche und gemeinschaftsstiftende Traditionen zu zerreißen, trotzen kann, und jenen Schutz gewährt, den wir zum Überleben brauchen.

Wir Deutschen in Ost und West brauchen einander. Wir sind eine Nation. Und wir haben jedes Recht der Welt, uns zu feiern. Und zwar nicht im geschichts- und produktneutralen Astro-Design, in einer verklemmten modernistischen Verlegenheitslösung der hippen Entwurzelten und ortlosen Weltretter, sondern Schwarz, Rot und voller Gold.

Ich tue es auf alle Fälle, denn für mich war die deutsche Einheit das Glück meines Lebens.

Im nachstehenden Video erzähle ich darüber!

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

PHA+PGlmcmFtZSBzcmM9Imh0dHBzOi8vd3d3LnlvdXR1YmUtbm9jb29raWUuY29tL2VtYmVkL3VnbzFPT29Gd0I4IiB3aWR0aD0iNTYwIiBoZWlnaHQ9IjMxNSIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93ZnVsbHNjcmVlbj0iYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuIj48L2lmcmFtZT48L3A+

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor, u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

Drucken