Klartext des Chefredakteurs:

Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) – CDU-»Wunderwaffe« mit Rohrkrepierer

David Bendels

im Grunde ist es ja schon fast ein Wunder, dass sie überhaupt so lange durchgehalten hat. Knapp ein Jahr ist Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) inzwischen als CDU-Vorsitzende im Amt. Merkels Kalkül, ihre getreuliche Kopie im CDU-Chefsessel zu installieren, um die Agonie ihrer unseligen Kanzlerschaft über den eigenen Rückzug auf Raten hinaus zu verlängern, ist zumindest insoweit aufgegangen. Seither hat Merkels überschätzte Wunderwaffe vor allem Peinlichkeiten und Rohrkrepierer in Serie produziert.

Bisher hat sie sich wohl nur deshalb an der Unionsspitze halten können, weil niemand sonst für die Wahlniederlagen dieses Jahres verantwortlich sein wollte. Und die hatten es in sich: Kramp-Karrenbauers Bilanz besteht aus einem Feuerwerk von krachenden Abstürzen mit zweistelligen Verlusten. Der Sturzflug geriet so steil, dass nach der Thüringen-Pleite an allen Ecken und Enden die Sägen ausgepackt und an AKKs Stuhlbeine angelegt werden.

Kramp-Karrenbauer hatte das Ihrige getan, um das von der Vorgängerin geerbte Desaster zu beschleunigen und komplett zu machen. Vor der wichtigen Sachsen-Wahl fuhr sie dem eigenen Landesverband in die Parade, als sie termingerecht zum Wahlkampf-Endspurt den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen zur unerwünschten Person erklärte. Der hatte zunächst nicht ohne Erfolg versucht, als Wahlkämpfer in der ohnehin weniger Merkel-linken Sachsen-CDU die Massenflucht konservativer Wähler zur AfD wenigstens zu bremsen.

Nicht, dass es keine realistische Perspektive auf eine nicht-linke Regierung gegeben hätte – doch wieder einmal bestätigte sich: Wer die selbst gefesselte CDU wählt, bekommt die Grünen in der Regierung, in dem Fall mit roter »Kenia«-Garnitur. Den Thüringer Wahlverlierer Mike Mohring ließ AKK noch ärger auflaufen, indem sie ihm zuerst grünes Licht für eine Koalition mit den Kommunisten gab, woraufhin der postwendend mit der Gesamtpartei zurückrudern musste. Rest-Glaubwürdigkeit ade.

AKK kennt nur ein Projekt, das ihr von der immer noch die Strippen ziehenden Kanzlerin als Vermächtnis aufgetragen wurde: Schwarz-Grün in der Bundesregierung. Das hat sie gleich zu Jahresanfang in einem peinlichen Paarlauf-Interview mit der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zu erkennen gegeben und damit alle vagen Erwartungen, die CDU könnte sich doch noch von den bleiernen Merkel-Jahren lösen, im Keim erstickt.

Und was Kramp-Karrenbauer sonst noch so versprochen hat? Die Merz-Anhänger einbinden, den Soli für alle abschaffen, mal wenigstens in sozial- und familienpolitischen Fragen ein paar »konservative« Akzente setzen? Alles schon lange untergegangen im großen Wust der Beliebigkeit.

Auch demonstrative Versprechen hat Kramp-Karrenbauer mit Merkel-würdiger Schnelligkeit und Dreistigkeit eiskalt abgeräumt. Auf gar keinen Fall wolle sie ein Ministeramt im Bundeskabinett übernehmen, der Job an der Spitze der CDU sei Aufgabe genug, hieß es noch bei ihrer Wahl. Im Juli, nachdem Merkel ihre andere Kronprinzessin von der Leyen als Kommissionspräsidentin nach Brüssel bugsiert hatte, war es auch damit vorbei: AKK wurde ihre Nachfolgerin als Bundesverteidigungsministerin, immer getreu dem Peter-Prinzip, dass jeder so lange befördert wird, bis er die Stufe seiner maximalen Unfähigkeit und Überforderung erreicht hat.

Die »Ministerpräsidentin« aus dem Saarland, einem Bundesland, das anderswo gerade mal als Landkreis durchgehen würde, sollte damit wohl noch ein wenig richtige Regierungserfahrung angeheftet bekommen, die über die Aufgaben einer Quasi-Landrätin in Saarbrücken hinausgeht, um sie als Merkel-Nachfolgerin im Kanzleramt zu qualifizieren. Dass die Truppe damit nach der einen Fehlbesetzung gleich die nächste vor die Nase gesetzt bekam: einerlei. Auch bei der CDU rangiert die Armee im Stellenwert inzwischen ganz weit unten.

Das Foto vom Ernennungstag mit den drei selbstgefällig grinsenden Damen – Merkel, AKK und von der Leyen – bleibt als Symbolbild für die Arroganz der Macht, gepaart mit Unfähigkeit. Auch als Verteidigungsministerin glänzte Kramp-Karrenbauer vor allem mit leeren Sprüchen und halbgaren Vorstößen.

Ihr letzter Profilierungsversuch geriet zu einem regelrechten Desaster. Ohne sich vorher mit den Kabinettskollegen, geschweige denn den Bündnispartnern, abzustimmen, setzte die Möchtegern-Kanzlerin die Idee einer von der NATO mitabgesicherten »Schutzzone« in Nordsyrien in die Welt. Dem Bundesaußenminister blieb es vorbehalten, während eines Untertänigkeitsbesuchs im Reich von Sultan Erdoğan entgegen allen Gepflogenheiten der eigenen Kabinettskollegin in den Rücken zu fallen und ihren »Plan« öffentlich zu beerdigen. Dass er der deutschen Verteidigungsministerin im Ausland auch noch vorwarf, die deutsche Außenpolitik zu »beschädigen«, ist schon vom Besseren: Da wirft ein Dilettant dem anderen Dilettantismus vor.

Vorläufige Zwischenbilanz: In der Welt schüttelt man den Kopf über den Hippie-Staat Deutschland, in dem statt Außen- und Europapolitik nur noch planloses parteitaktisches Chaos stattfindet. Die CDU ist so weit im Keller, dass der Merkel-AKK-Wunschtraum einer schwarz-grünen Koalition wackelt, zumal der Umfrage-Höhenflug der Ökosozialisten in Thüringen jäh auf dem Boden der Tatsachen endete. Und in den eigenen Reihen wetten immer weniger darauf, dass Kramp-Karrenbauer noch den Jahreswechsel als Parteichefin erlebt – vom Kanzleramt ganz zu schweigen.

Nur keine Illusion: Etwas Besseres wird in der ausgezehrten CDU kaum nachkommen. Manche Ereignisse und Konstellationen, schrieb Karl Marx in seiner Schrift über den Kaiserneffen Napoleon III., kommen gerne im Doppelpack: einmal als Tragödie und noch einmal als Farce. Nach dem Merkel-Trauerspiel nun also die AKK-Farce. Immerhin stehen die Chancen gut, dass die triste Vorstellung diesmal nicht so lange dauern wird.

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