Letzte Galgenfrist für die ›Welt‹

Redakteure bangen um ihre Arbeitsplätze

In der Zentrale der Axel Springer SE geht die Angst um: Nach dem Einstieg des US-Finanzinvestors »KKR« werden die Jobs zahlreicher Redakteure auf der Kippe stehen

In der Berliner »Axel Springer Straße 65« geht die blanke Job-Angst um. Nach der geplanten Teilübernahme von Europas größtem Medienhaus durch den US-Investor »KKR« droht ein Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen. Der defizitären ›Welt‹ wurde eine letzte Galgenfrist eingeräumt.

»La Traviata« ist eine der berühmtesten Opern der Welt. Giuseppe Verdis Meisterwerk begeistert das Publikum seit der Erstaufführung 1853 immer wieder aufs Neue. Am Ende der Handlung stirbt die Hauptperson »Violetta« an der Schwindsucht.

Ausgerechnet »Traviata II« hat der US-Finanzinvestor »KKR« seine Beteiligungsfirma genannt, die beim Berliner Verlag »Axel Springer« jetzt mit 20 Prozent der Anteile einsteigen und aufräumen will. Ein subtil passender Name insoweit, als auch die Auflagen der Springer-Titel ›Bild‹ und ›Welt‹ samt ihrer sonntäglichen Ableger seit Jahren an galoppierender Schwindsucht leiden. Der schöngeistige Springer-CEO und Ex-›Welt‹-Chefredakteur Mathias Döpfner dürfte sich der ironischen Anspielung bewusst sein – er ist promovierter Musikwissenschaftler.

Das schwindsüchtige Ende der ›Welt‹, einst das konservative Flaggschiff des 1985 verstorbenen Verlegers und Patrioten Axel Springer, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Dieser Tage hat der US-Investor »KKR« das offizielle Angebot mit insgesamt 221 Seiten für die Teilübernahme von Axel Springer veröffentlicht. Die Amerikaner wollen mindestens 20 Prozent der Aktien kaufen und dann den offenbar klammen Medienkonzern radikal sanieren. Der Verlag schockte kürzlich seine Aktionäre mit gleich zwei Gewinnwarnungen (der Deutschland Kurier berichtete).

»Angemessene Steuerung der Ergebnissituation«

Für Aufregung unter der Belegschaft sorgt ein kurzer Passus auf Seite 32 des Übernahmeangebots. Unter dem Punkt »8.2.5 f« steht dort zunächst zu lesen, man habe vereinbart, »den Geschäftsbereich der ›Welt‹-Gruppe fortzuführen«. Dann kommt das dicke ABER:

Dies stehe »unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation«. Im Klartext: Der hochdefizitären ›Welt‹, die an manchen Tagen nicht einmal mehr 10.000 ehrlich verkaufte Zeitungen am Kiosk an den Leser bringen soll, wurde eine letzte Galgenfrist eingeräumt!

Ganz offensichtlich hat sich »KKR« mit dem Passus die Option offengehalten, die ›Welt‹-Gruppe früher oder später einzustellen oder zu verkaufen – auch wenn »Springer« dies naturgemäß dementiert, um die unruhig gewordenen Redaktionen zu besänftigen. Redakteure von ›Bild‹ und ›Welt‹ nehmen die Situation ihrer dahinsiechenden Blätter seit einiger Zeit ohnehin nur noch mit Sarkasmus: »Der Letzte macht das Licht aus«, witzeln sie mittags in der Kantine. »Wieso? Wir laufen doch schon mit der Kerze in der Hand rum.«

Der Verlag hat sich zuletzt immer mehr auf digitale Rubrikengeschäfte konzentriert. Das klassische Mediengeschäft schrumpfte – nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Kernmarken ›Bild‹ (»Refugees Welcome«) und ›Welt‹ längst Lichtjahre von ihrer Stammleserschaft entfernt haben. Bereits vor fünf Jahren wurde das Tafelsilber des Verlages an einen seelenlosen, textverarbeitenden Betrieb namens »Funke Mediengruppe« verscherbelt. Dazu zählten die Regionalzeitungen ›Berliner Morgenpost‹ und ›Hamburger Abendblatt‹ sowie die Familien-TV-Zeitschrift ›Hörzu‹.

Ziel des US-Finanzinvestors »KKR« dürfte es jetzt sein, nach fünf bis sieben Jahren mit einem satten Gewinn bei »Springer« wieder auszusteigen. So hat es »KKR« auch beim Münchner Fernsehsender ›ProSieben Sat 1‹ gemacht.

Bei »Springer« geht die Angst um die Arbeitsplätze um. »Jeder kann sich ausrechnen, was es heißt, wenn die Amis sich beteiligen«, sagt ein Ressortleiter mit Blick auf den Renditehunger von US-Investoren im Allgemeinen und deren Vorliebe, unrentable Unternehmenssparten abzustoßen, im Besonderen. (elf)

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