Wie ›SPIEGEL‹ und ›Süddeutsche Zeitung‹ kalten Kaffee aus der Gerüchteküche aufkochen

Es geht um angebliche Milliardärs-Spenden zugunsten der AfD

Der liberal-konservative Journalist und Publizist Roland Tichy seufzte neulich: »Wer nach längerer Zeit den ›SPIEGEL‹ liest, ist erschüttert: Nichts mehr da von dem, was das Blatt lästig gemacht und ausgezeichnet hat. Das ist kein Sturmgeschütz mehr, das mal danebentrifft. Es ist in der Summe ein feiges Blatt, das die Mächtigen bejubelt.«

Erschüttert ist auch Dirk Koch. Die heute 75 Jahre alte ›SPIEGEL‹-Legende leitete von 1973 bis 1997 das Bonner Büro des einstigen Nachrichtenmagazins, aus dem ein nicht mehr ernst zu nehmender illustrierter ›taz‹-Abklatsch geworden ist. Zusammen mit seinem 2010 verstorbenen Stellvertreter Klaus Wirtgen deckte Koch die Flick-Spendenaffäre auf. Am Hofe Helmut Kohls war das investigative Duo gefürchtet als »der ambulante Schlachthof«. In seinem gleichnamigen 2016 erschienenen Buch hält Koch dem ›SPIEGEL‹-Nachwuchs in Berlin gleichsam den Spiegel vor:

»Es wird zu wenig und zu wenig gut recherchiert. Wie steht es um Machtmissbrauch, Korruption, Pflichtversäumnisse bei denen, die uns regieren?« Sein Rat an die geschniegelten und gestriegelten Kollegen des Hauptstadtbüros: Eine Stunde früher das Googeln einstellen, den Tunnelblick vom Bildschirm lösen, den Computer herunterfahren und raus unter Menschen zum Recherchieren.

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Wer gedacht hatte, dass das Hamburger Polit-Satireheft nach paranoider Trump-Psychiose, Sachsen-Bashing und Tipps gegen Rückenweh tiefer nicht mehr würde sinken können, sah sich mit der Titelstory vorvergangene Woche eines Schlechteren belehrt: Auf AfD-Blau mit rotem Pfeil ist der Schatten eines Mannes zu sehen, dessen Umrisse irgendwie an Friedrich Merz erinnern; rasterförmig eingeblockt sind Fotos u. a. der AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland sowie vier 500-Euro-Bündel mit blauen Banderolen. Das Ganze garniert mit der Überschrift: »Der Milliardär und die AfD.«

An der Story selbst (»Goldene Zeiten«) haben sich ausweislich der Autorenzeile am Textende drei Redakteure abgearbeitet – und dies vermutlich wochenlang: Melanie Amann, Sven Becker, Sven Röbel. Alle drei sind ausgewiesene AfD-Hasser. Unter ihrem Verschwörungsgebräu hätte nach sieben Seiten allerdings ebenso gut stehen können: Von unseren in die Suchmaschine Google entsandten Korrespondenten.

Das an galoppierender Auflagen- und Anzeigenschwindsucht leidende Magazin konnte lange keinen wirklich exklusiven Scoop mehr landen. Selbst ihre Fußball-»Enthüllungen« kürzlich musste sich die Redaktion mit acht weiteren europäischen Medienpartnern teilen. In der Hamburger Zentrale und im Berliner Hauptstadtbüro hält man es deshalb ganz offensichtlich mit einer alten Branchenregel, die da lautet: Eine Geschichte muss nur alt genug sein, um wieder neu zu sein. Wobei es auf den Wahrheitsgehalt nicht ankommt.

Hinsichtlich der Substanz jedenfalls ist die aus dem Internet zusammengerührte ›SPIEGEL‹-Suppe so dünn, dass sie in der Rubrik »Hausmitteilung« bezeichnenderweise erst gar keine Erwähnung findet. Denn in der Betreffzeile hätte sonst stehen müssen: Asbach Uralt.

Um den Anschein einer irgendwie doch noch investigativen »Enthüllung« zu erwecken, gab es einen (wie zu vermuten ist) getimten Aufschlag zeitgleich mit dem sogenannten Rechercheverbund von ›Süddeutscher Zeitung‹ (›SZ‹), ›NDR‹ und ›WDR‹. Der versah seine Story allerdings vorsichtshalber mit einem Fragezeichen: »Strebte ein Münchner Milliardär nach Einfluss beim Deutschland Kurier

Gleich der erste Satz entpflichtet der Mühseligkeit des Weiterlesens: Es gebe »Hinweise« darauf, dass ein Vertrauter des Münchner Milliardärs August von Finck »vor einiger Zeit versucht haben könnte«, Einfluss auf den Deutschland Kurier zu nehmen. Mit anderen Worten: Der ominöse Vertraute, bei dem es sich um den Geschäftsmann Ernst Knut Stahl handeln soll, könnte es auch nicht versucht haben.

Wie das ›SPIEGEL‹-Hirngespinst basiert auch das ›SZ‹-Machwerk weitgehend auf einem bereits im Bundestagswahlkampf 2013 von der CDU-nahen »Konrad-­Adenauer-Stiftung« kolportierten Narrativ: Der öffentlichkeitsscheue Milliardär Finck unterstütze die AfD. Diese im Netz seit mehr als einem Jahr mannigfach nachlesbare, geradezu groteske Räuberpistole plustert der ›SPIEGEL‹ zu einem regelrechten Verschwörungs-Soufflé auf. Dazu serviert das Autoren-Trio Amann, Becker und Röbel kalten Kaffee ebenfalls aus der Internet-Gerüchteküche und rührt in seine Geschichte, die keine ist, Fincks Edelmetallgeschäft »Degussa« und den längst eingestellten AfD-Goldshop:

● »Mit Fincks Geld wurden offenbar (notabene: offenbar!) indirekt (potztausend: indirekt!) diverse Parteievents finanziert. Seine Handelsfirma Degussa war zudem, wie interne Unterlagen (Himmel: welche?) zeigen (ach so: nicht beweisen!), an einem lukrativen Goldhandel beteiligt, mit dem die anfangs klamme AfD in den ersten Jahren ihre finanzielle Basis stärkte. Die publizistische Schützenhilfe durch den Deutschland Kurier wäre (Verschwörer aller Länder vereinigt euch: wäre!) das dritte Element in Fincks Förderprogramm.«

Ebenso gut hätte das Autoren-Kollektiv über das Wetter von morgen schreiben können: Entweder es regnet, die Sonne scheint oder es bleibt, wie es ist. Schamlos kupfern die ›SPIEGEL‹-Schreiberlinge ganze Passagen bei dem Linksportal ›Heise‹ ab, das die vermeintlichen Enthüllungen (»Die Masken fallen«) bereits vor mehr als einem Jahr online stellte.

Neu ist nicht einmal, dass der ›SPIEGEL‹ eine von ihm behauptete Nähe des Deutschland Kurier zur AfD herbeifantasiert und die alte in den Mainstream-Medien bereits durchgenudelte Platte einer angeblichen Verbindung zwischen der AfD und dem »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten« wieder auflegt. David Bendels, Chefredakteur des Deutschland Kurier und Vorsitzender des Vereins, kann nur den Kopf schütteln. Auf Anfrage hatte er dem ›SPIEGEL‹ und dem sogenannten Rechercheverbund vor deren Veröffentlichungen mitgeteilt: »Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich mich zu hanebüchenen Vermutungen, abstrusen Spekulationen, grotesken Verschwörungstheorien, haltlosen Diffamierungen und wirren Falschbehauptungen grundsätzlich nicht äußern werde.«

Fazit: Aus dem einstigen »Sturmgeschütz der Demokratie«, wie ›SPIEGEL‹-Gründer Rudolf Augstein sein Magazin vor langer Zeit einmal definierte, ist ein armseliger Rohrkrepierer geworden, der sich seine Kolportagen aus dem Internet zusammensaugt; aus dem »ambulanten Schlachthof« ist eine linksgrüne und selbstgefällige Café-Latte-Redaktion geworden. Zu deren bunter Befindlichkeit passt denn auch in besagter Ausgabe ein ganzseitiges Bekenntnis der Hauptstadt-Kolumnistin Nicola Abé zum UN-seligen Migrationspakt: »Die Angst vor dem Migrationspakt ist unbegründet.« Alles klar auf der Andrea Doria! Der italienische Luxusliner sank 1956 vor der US-Ostküste. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der ›SPIEGEL‹, der seine Auflage bereits halbiert hat, untergehen wird.

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